Man musste ja nicht gerade ein ausgemachter Pessimist sein, um diese Möglichkeit auf der Rechnung zu haben. Und nun ist der Fall also tatsächlich ausgerechnet bei einem der Handball-Verbände eingetreten, die sich für die Pandemie am besten gewappnet fühlten: Beim deutschen. Johannes Bitter, der Torhüter-Veteran, wurde am Rande des EM-Qualifikationsspiels in Estland positiv auf COVID-19 getestet. Die Spieler, die mit dem Weltmeister von 2007 in engerem Kontakt gestanden waren, wurden in Quarantäne beordert. Doch es ist schon klar: So glimpflich wird die Sache nicht ausgehen. Gestern vermeldete der DHB einen zweiten Coronafall.
Die Botschaft des Falls ist klar: Der Länderspielkalender in der derzeitigen Form ist für die Szene ein zusätzlicher Unsicherheitsfaktor. Spieler reisen durch Europa und setzen sich einem Risiko aus, das auch mit – siehe Bitter – besten Vorsichtsmaßnahmen nur bedingt beherrschbar ist. Für Spiele, die manchmal, wie das der DHB-Auswahl in Estland, nicht mehr als Formsache sind.
Das kann verheerende Folgen haben. Anders als in den Europapokal-Wettbewerben war der Bundesliga-Spielplan bis jetzt ja weitgehend ungeschoren. Das wird sich nach den aktuellen Fällen wohl ändern. Und jede Verlegung bringt das bedrohlich eng getaktete System der Ballwerfer dem Kollaps ein Stückchen näher. Man kann es deshalb sehr gut nachvollziehen, wenn Ligachef Frank Bohmann nun sagt, man werde vor den zukünftigen Länderspielfenstern noch ein wenig genauer hinsehen. Und die Kräfte der Bundesliga nur dorthin entlassen, wo das Risiko zumindest kalkulierbar erscheint.
Ob das reicht, ist eine andere Frage. Die Funktionäre sind dringend gefordert, auch andere Optionen zu durchdenken. Etwa ob es in Zeiten, in denen der Heimvorteil mangels Publikum ohnehin keiner ist, nicht mehr Sinn macht, die Spiele auf wenige Orte in Europa zu konzentrieren. Auf sogenannte Blasen, in denen die Beteiligten ähnlich wie beim Final-10 der Basketball-Bundesliga unter sich bleiben. So wie es bei der Olympia-Qualifikation laufen dürfte. Die geht in Berlin in Turnierform über die Bühne. Im kommenden März. In Corona-Zeiten ist das fürchterlich weit weg.
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