Was macht ein Fanclub, wenn es keine Spiele gibt?

von Redaktion

Die Anhänger der Nationalmannschaft werden digital bespaßt – Stadion-Choreografien ohne Menschen

VON GÜNTER KLEIN

Leipzig – Stille im Stadion, überall im Fußball, auch bei Länderspielen. Was war es noch laut vor einem Jahr um diese Zeit, als die Deutschen in Mönchengladbach und Frankfurt gegen Belarus und Nordirland spielten und keiner etwas ahnte von einer Pandemie. In den letzten beiden DFB-Partien 2019 war sogar richtig Musik – was dem Verband jedoch auch Spott eintrug: Er hatte jeweils eine Band verpflichtet, die in der Fankurve mit Blasinstrumenten und Trommeln das James-Last-Nonstop-Dancing-Repertoire runterspielte. Die Mitglieder der Combo waren zuvor noch in der Lounge zu sehen gewesen, die der „Fan Club Nationalmannschaft“ errichtet hatte. Sie waren nicht zufällig da, sie hatten eine Mission zu erfüllen: Stimmung!

In den Niederlanden gehört die Kapelle im Block zur Fankultur, in Deutschland wirkte das aufgesetzt – und wieder war es eine Aktion, die zur Kritik am „Fan Club Nationalmannschaft“ führte, der von den Mitgliedschafts-Verweigerern demonstrativ „Fan Club Nationalmannschaft powered by Coca-Cola“ genannt wird. 50 000 Mitglieder hat der Club. wie viele davon aus reinem Pragmatismus ihre 30 Euro Jahresbeitrag zahlen, ist nicht bekannt. Aber ohne die Mitgliedschaft geht wenig, wenn man an Länderspieltickets kommen will. Bei Heimspielen gibt es eine exklusive Verkaufsphase, die an die Mitgliedschaft gebunden ist, bei der Vergabe von Auswärtstickets greift ein vom Fanclub geführtes Bonussystem.

Dass die Eintrittskarten auf diesem Weg vertrieben werden, war jedenfalls nicht vorgesehen, als der Fanclub 2003 gegründet wurde. Dem DFB war rund um das WM-Finale 2002 in Yokohama aufgefallen, dass deutsche Fans zwar da waren, aber keiner vom anderen wusste. Könnte man das nicht koordinieren? Oliver Bierhoff kam 2004 als Teammanager zum DFB, er trieb das Projekt eines Fanclubs der Nationalmannschaft, das es in den Niederlanden, in Frankreich, England schon länger gab, voran. Heute wird es vor allem mit seinem Namen verbunden.

Nun sind die Stadien leer. Das eine Mal nach Wiederbeginn, als der DFB 300 Leute einlassen durfte, verteilte er die Karten an Vertreter aus Pflegeberufen. Einen Ticketverkauf gibt es nicht, und so tritt auch der Fan Club Nationalmannschaft in den Hintergrund. „Üblicherweise wendet sich der Fan Club mit seinem Angebot stark an die Stadionbesucher rund um die Länderspiele“, schreibt der DFB in einer Stellungnahme zu den derzeitigen Aktivitäten, einen verantwortlichen Gesprächspartner konnte er nicht zur Verfügung stellen. Es tue sich aber auch ohne Spiele was: Man intensivierte die digitalen Aktivitäten. Der DFB zählt auf: „Meet & Greets mit Spielern“, ein eFootball-Turnier, Verlosung von Playstations und Kicker-Abos, Übertragung einer Talkshow mit Toni Schumacher und Roman Weidenfeller aus dem Fußballmuseum in Dortmund.

Es ist ein Notprogramm, um die Bindung aufrecht zu erhalten. Sie ist ja ohnehin eher eine lose, nicht vergleichbar der innigen, die ein Fan zu seinem Verein pflegt.

Verein – Nationalteam, da zeigt sich in der Corona-Zeit ein weiterer gravierender Unterschied. Während in der Bundesliga die verwaisten Fanblöcke kalten Beton zeigen, weil die aktive Szene sich entschieden hat, Geisterspielen keine Aufmerksamkeit zu schenken, wird bei Länderspielen darauf geachtet, ein Stück Fan-Normalität zu simulieren. So auch in Leipzig. Ein Drittel der Arena wurde „verkleidet“, mit Sitzüberzügen in Schwarz, Rot, Gold und Weiß, sodass man über den deutschen Farben den Schriftzug „Wir für Euch“ lesen konnte. Eine Choreografie ohne Menschen, statisch. Der DFB dazu: Es gebe Choreo-Teams im Fanclub Nationalmannschaft. „Es ist eine kleine Gruppe, die die Motive plant und realisiert. Der Fan Club unterstützt diese Gruppe bei der Beschaffung der Materialien, ermöglicht den Zugang zum Stadion für den Aufbau und bietet seine Struktur an, wenn es darum geht, Freiwillige für die Umsetzung der Choreografie zu finden.“

Mitglieder und somit offiziell Fans sind auch zahlreiche ehemalige Nationalspieler, da lässt der DFB kaum jemanden auskommen. Die Liste der Prominenten im Fan Club Nationalmannschaft verzeichnet 101 Namen – darunter auch den, der unter Vereinsfußball-Fans nicht gut beleumundet ist: Nummer 58, Helene Fischer.

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