München/Frankfurt – Das Jahr ist noch nicht zu Ende, auch kommende Woche soll es noch einmal um die deutsche Nationalmannschaft und den Deutschen Fußball-Bund und wie sie in Frankfurt so zueinander stehen, gehen. Dann werden Joachim Löw, der zwar offiziell von Verbandsseite gestärkte, aber in der öffentlichen Wahrnehmung angeschlagene Bundestrainer, und Verbandspräsident Fritz Keller, der so gar kein Freund des Bundes-Jogi mehr sein soll, in die Bütt treten. Am Freitag war aber erst einmal Oliver Bierhoff dran – „nicht als Anwalt und Sprachrohr von Jogi, sondern als Verantwortlicher für die Nationalmannschaften und die DFB-Akademie“. Er sagte, er sei auch über zwei Wochen nach dem Erlebnis der 0:6-Niederlage in Spanien aufgewühlt: „Es brodelt immer noch in mir.“ Aber er wolle doch mal die Fakten darlegen.
Bierhoff sitzt in der DFB-Zentrale in Frankfurt, in der Rechten hält er eine Fernbedienung, mit der er Präsentationen und Charts in das virtuell abgehaltene Gespräch einbauen kann. Es geht ihm darum, „subjektive Betrachtungen zu objektivieren“. Dafür haben ihn die Analysten aus der Akademie mit Daten versorgt. Und die, so Bierhoff, würden belegen: Die Mannschaft hat sich entwickelt, vor allem 2019. Was 2020 betrifft, seien die Werte ein wenig gesunken, aber: „Wir sollten uns bewusst werden, in welchem Jahr wird sind.“ Im Coronajahr, in dem die Spieler in stimmungslose Stadien einlaufen und im Hotel Abstand zueinander halten müssen. „Und die Spieler kamen entweder aus dem Urlaub oder der Belastung.“
Der Spielstil, den man nach dem WM-Desaster von 2018 anzustreben begonnen habe, erfordere hohe Beschleunigungen und viele Laufwege in den Rücken der Abwehr. „Da waren wir 2019 fast wieder so gut wie 2017, als wir kein Spiel verloren und den Confederations Cup gewonnen haben.“ Die Ballbesitzzeiten – „nahezu perfekt kurz wie 2014“. Nur: Dem Team fehle es an Erfahrung – auch dazu Zahlen: „145 Prozent weniger Länderspiel-Erfahrung als unsere 2014er-Mannschaft. 50 Prozent weniger als 2010, wo wir eine sehr junge Mannschaft hatten.“
Diese Mannschaft sei „kein Sauhaufen wie 2000“, die Spieler würden gerne kommen, auch harte Einheiten wie eine 90-minütige Mann-gegen-Mann-Schulung erdulden. Und weil man ja auf das 0:6 von Sevilla zu sprechen kommen muss: „War der Trainer da hilflos?“, fragt Bierhoff und gibt gleich die Antwort: „Er ist in der Halbzeit nicht gesessen und hat geheult, sondern umgestellt.“ Doch manchmal gebe es Tage der Machtlosigkeit, des nicht steuerbaren Misslingens. Bierhoff zitiert Jürgen Klopp, der mit Liverpool ein 2:7 gegen Aston Villa erlebte: „Ich habe im Fußball alles gesehen, das heißt aber nicht, dass ich für alles eine Lösung habe.“ Klopp habe drei Tage später aber 4:0 gewonnen. Alles wieder gut.
Im März wird es für Löw und die Mannschaft mit einer ähnlichen Belastung wie zuletzt weitergehen: Drei Spiele in zehn Tagen. Nach einem durchgespielten Winter. Es bleibt nur, darauf zu hoffen, dass man eine gute und ruhige unmittelbare Vorbereitung auf die EM haben wird.
Mit den im März 2019 ausgebooteten Spielern Müller, Hummels, Boateng? „Am Ende spricht man über alle Spieler“, sagt Bierhoff, im Fall der drei sei „nichts Absolutes dabei, Jogi und sein Trainerstab sind nicht verbohrt, sie haben alle Optionen.“ Bierhoff hat das Gefühl: „Löw ist der Richtige.“