In der Form seines Lebens

von Redaktion

Markus Eisenbichler dominiert zum Saisonauftakt der Skispringer – das Ergebnis harter Arbeit

VON PATRICK REICHELT

München – Neulich in Kuusamo hat Markus Eisenbichler einmal bemerken müssen, dass auch ein Überflieger nicht vor den Launen der Lüfte sicher ist. Der Wind drückte den Siegsdorfer zu früh in den Schnee, so dass ihm die Führung aus dem ersten Durchgang aus den Händen rutschte. Am Ende stand Platz zwei. Und Eisenbichler zuckt auch Tage danach mit den Schultern: „Damit muass ma a amoi z‘friedn sein“. Zufrieden mit Platz zwei.

So haben sich die Realitäten des 29-Jährigen geändert. Einen Winter lang war er der Konkurrenz weitgehend hintergesprungen. Und jetzt? Zum Saisonbeginn ist der Chiemgauer im Weltcup-Zirkus das Maß der Dinge. Gestern in Nishni Tagil hat er eine weitere Kostprobe abgeliefert. Mit kleinerem Anlauf flog er auf der schmucken Anlage hinter dem Ural auf die Höchstweite von 135 Metern und entschied die Qualifikation für sich. Und Bundestrainer Stefan Horngacher macht der Konkurrenz wenig Hoffnung: „Der Markus hat einen Weg gefunden, im Wettkampf noch einmal draufzupacken.“

Und wer ein bisschen hinter diese Entwicklung blickt, der kommt zwangsläufig zu dem Schluss, dass Eisenbichler zum Kreis derjenigen gehört, denen die Pandemie sogar ein bisschen in die Karten gespielt hat. Nachdem die vergangene Saison in Trondheim abgebrochen wurde, hat sich Eisenbichler dorthin zurückgezogen, wo er am liebsten ist. Nach Hause, nach Siegsdorf.

Und dort ist er auch so viel wie selten zuvor geblieben. Hat im Verborgenen an den Dingen getüftelt, die im Winter immer wieder schiefgegangen waren. Eine echte Sommersaison gab es nicht, auch die Lehrgänge des Deutschen Skiverbandes wurden weitgehend in der Heimat über die Bühne gebracht. Wobei sich natürlich auch günstig traf, dass er mit Stefan Horngacher einen Bundestrainer hinter sich wusste, der seiner Persönlichkeit ziemlich nahe kommt. Fachlich ohnehin über jeden Zweifel erhaben. „Die Polen hatten mit ihm wahnsinnig schnell und viel Erfolg“, staunte Eisenbichler. Aber ähnlich wie der, manchmal knorrige Siegsdorfer, ist auch Horngacher kein Mann der vielen Worte. „Kein Medienguru“, wie er einmal gegenüber unserer Zeitung sagte. Aber er wählt seine Worte richtig.

Und Markus Eisenbichler hat schnell gemerkt, dass der neue Weg aufgeht. Kleine Korrekturen am Material inklusive. Wo auch immer sich die deutschen Springer trafen – der filigrane Routinier flog in der Form auf und davon, mit der er die Konkurrenz bei der WM 2019 in Seefeld schockiert hatte. Rückkehrer Severin Freund staunte: „Ich habe noch nie einen Springer über einen Sommer in so einer Form gesehen.“

Und langsam aber sicher verfestigt sich der Eindruck, dass ihn eher das Virus als eine Formkrise aus dem Tritt bringen könnte. Wobei Eisenbichler dem System des Deutschen Skiverbandes vertraut, von dem Bundestrainer Horngacher sagt, es sei „das strengste im Weltcup, nach allem was ich sehe.“ Maske und Handschuhe sind Grundausrüstung seit sich die neue deutsche Nummer eins in der Blase der Skispringer bewegt. Kontakte werden aufs Minimum beschränkt, einzig der, derzeit bei seiner schwangeren Lebensgefährtin weilende Karl Geiger kam ihm von Zeit zu Zeit „zum Zocken“ ein bisschen näher. Bis jetzt geht die Sache auf – das DSV-Team hat, anders als etwa die großen Rivalen aus Österreich, bis heute keinen Corona-Fall zu registrieren gehabt.

So soll es bleiben. „Ich würde diese Form gerne noch länger auskosten“, sagte Eisenbichler. Zweite Plätze kann er da locker akzeptieren.

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