München – Aus dem großen Fest, das Fredi Heiß seit Anfang des Jahres geplant hatte, wird eine Feier im engsten Familienkreis. Corona nimmt keine Rücksicht auf den 80. Geburtstag einer Löwen-Legende. Unser Interview mit dem legendären Rechtsaußen der erfolgreichen Sechzigerjahre-Sechzger.
Herr Heiß, ein paar Tage vor dem 80. Geburtstag, welche Gedanken treiben einen da um?
Dass ich alt werde, merke ich weniger an dieser Zahl, sondern an den ganzen Wehwehchen, mit denen ich hin und wieder zu tun habe.
Welche Erinnerungen haben Sie von Ihrer Zeit als Fußballer? Heutzutage können die Spieler ja kinderleicht alle Videos und Bilder auf dem Smartphone speichern.
Da ist mir vor über 50 Jahren was ganz Ärgerliches passiert. 1967 wurde bei mir zu Hause eingebrochen, als meine Frau und ich beim Essen waren. Ich hatte eine Schmalfilmkamera, mit der ich vioel aufgenommen habe. Aber: Kamera, Filme – alles weg. Der Hammer war aber, dass die Einbrecher meinen damals zweieinhalbjährigen Sohn Peter aus seinem Bettchen geholt haben, ihn ins Wohnzimmer gebracht und ihm zur Beruhigung seine Spielsachen gegeben haben. Als meine Frau und ich dann nach Hause kamen und die Bescherung sahen, sagte Ingrid nur: „Schau, wo da Bua is. Ohne an Buam brauchst gar ned mehr kemma.“ Ich also sofort ins Kinderzimmer, und da lag Peter wieder in seinem Bett. Später hat er irgendwas gebrabbelt von „Mann, Fenster, Wohnzimmer, Spielsachen.“ Die Täter wurden übrigens nie gefasst, obwohl danach jede Menge Polizisten bei uns vorbeischauten. Ich habe denen dann allen Schnaps angeboten und die haben sauber zugelangt. Heutzutage undenkbar.
Auch das Fußballgeschäft war in den Sechzigerjahren noch völlig anders . . .
Kann man sagen. Als ich Ende der Fünfzigerjahre in der Oberliga Süd anfing, betrug mein Gehalt 80 Mark. Zum Bundesligastart 1963 waren es 1200. Da konntest du nicht behaupten, dass du nach der Karriere ausgesorgt hast.
Sie haben sich schnell ein zweites berufliches Standbein zugelegt.
Ja, mit 25 habe ich die Speditionsfirma von meinem Onkel übernommen. Am Anfang hatte ich einen LKW, am Schluss besaß ich dann 15 Fernlastzüge und drei Betonmischer. Eigentlich habe ich das Uwe Seeler zu verdanken. Er war mein großes Idol und beruflich Speditionskaufmann. Wegen ihm habe ich das auch gelernt. Und so wie er war ich in der Jugend ebenfalls Mittelstürmer. Erst Helmut Schön, damals Nachwuchs-Nationaltrainer, hat mich zum Rechtsaußen umfunktioniert. Gott sei Dank! Ich war ja recht klein, und ein Mittelstürmer ohne Kopfballtore hätte es in der Bundesliga nicht weit gebracht.
Zumal Ihnen Rudi Brunnenmeier im Weg gestanden wäre.
Ja, der Rudi. Unser Torjäger. Wir waren ja teilweise schon eine recht wilde Truppe. Brunnenmeier, Patzke, der Hennes Küppers und noch ein paar Kandidaten. Nach jedem Auswärtsspiel sind wir vom Bahnhof oder vom Flughafen in die Münchner Nachtclubs gefahren und dort bis um vier, fünf Uhr in der Früh geblieben.
Und der strenge Max Merkel hatte nichts dagegen?
Dem Trainer war das wurscht. Wir haben alles machen können. Hauptsache wir haben gut gespielt. Wenn nicht, dann spürten wir seinen Zorn im Training. Merkel war es auch egal, dass Hennes Küppers einmal von der Funkstreife am Trainingsplatz abgeholt wurde und ein, zwei Wochen in Stadelheim verbringen musste. Warum, weiß ich nicht genau. Es soll wohl um nicht gezahlte Alimente gegangen sein. Merkel aber erwirkte, dass Küppers für das nächste Heimspiel das Gefängnis für ein paar Stunden verlassen durfte und hat ihn aufgestellt.
Wie sind Sie mit Merkel ausgekommen?
Eigentlich ganz gut. Aber getratzt hat er mich schon auch. Einmal hat er mir während des Spiels seinen Schal gereicht, damit ich nicht erfriere, weil ich ja nur rumstehen würde. Und das andere Mal stellte er mir an der Außenlinie plötzlich einen Stuhl hin, weil ich im Spiel so müde wirken würde. Das war schon peinlich für mich.
Ihr Karrierehöhepunkt?
Natürlich die Deutsche Meisterschaft. Und als Einzelspiel das Europacup-Finale gegen West Ham in London, das wir leider 0:2 verloren haben. Ich hatte schon die Tage vorher Probleme im Oberschenkel, aber Merkel wollte unbedingt, dass ich spiele.
Sie haben in 169 Bundesligaspiele 40 Tore erzielt. Davon vier im Meisterjahr beim 9:1 in Neunkirchen.
Es hätten sogar noch mehr sein können, aber irgendwann hat ein Mannschaftskollege zu mir gesagt: „Fredi, hör auf jetzt. Wir spielen jeden Ball nur noch auf den Timo Konietzka, damit er Torschützenkönig wird.
Der große Pelé hat vier Mal ihren Weg gekreuzt. Sicher auch ein Highlight.
Natürlich. Obwohl ich in allen vier Partien als Verlierer vom Platz gegangen bin. Zweimal mit 1860 gegen den FC Santos im Grünwalder, und zweimal mit der Nationalelf gegen Brasilien. Das eine Spiel fand 1965 im Maracaná vor 120 000 Zuschauern statt, das andere zwei Jahre zuvor in Hamburg. Nach diesem Spiel sagte Pelé übrigens, dass ich der beste Spieler auf dem Platz gewesen sei.
In Sachen WM-Teilnahme hatten Sie weniger Glück.
Weil ich im entscheidenden Spiel um die deutsche Meisterschaft 1966 am vorletzten Spieltag in Dortmund von Merkel nicht aufgestellt wurde. Bundestrainer Schön nahm das zum Anlass, mich nicht zur WM in England mitzunehmen. Und nachdem ich im Sommer 1969 aus beruflichen Gründen mit dem Fußball aufgehört hatte und einige Monate später ein Comeback startete, weil 1860 in Abstiegsgefahr war, da hat mich der Schön aufgrund meiner guten Leistungen für das Länderspiel im Frühjahr 1970 gegen Rumänien wieder zurückgeholt. Leider hab ich mir im Training mit der Nationalelf einen Muskelriss geholt und bin lange ausgefallen. Die kleine Chance auf die WM-Teilnahme 1970 in Mexiko war damit dahin. Und Sechzig ist abgestiegen.
Sie haben nie für einen anderen Verein als 1860 gespielt – von 1954 bis 1970. Warum diese Treue?
Es stimmt nicht ganz. Als 13-Jähriger habe ich ein Spiel für Teutonia München gemacht. Aber da war ich so gut, dass der Trainer gesagt hat: „Bua, du muasst ganz woanders hi: Sechzge oder Bayern.“ Ich entschied mich für die Blauen, weil mir der Name „Die Löwen“ so gut gefallen hat.
Angebote anderer Vereine gab’s aber sicher.
Natürlich. Der AC Turin soll interessiert gewesen sein, der HSV, sogar der FC Bayern. Eine lustige Geschichte: In einem Lokal traf ich im Sommer 1969, kurz nachdem ich das erste Mal bei 1860 aufgehört hatte, zufällig Bayern-Manager Robert Schwan und Trainer Branko Zebec. Schwan bot 50 000 Mark im Jahr, wenn ich zu den Bayern wechseln würde. In die Amateurmannschaft! Ich antwortete, dass ich, wenn überhaupt, nur in der Ersten spielen würde. Was ich natürlich nie gemacht hätte. Sonst hätt ich bis heute bei vielen Leuten verschi . . .
Gibt’s einen besonderen Wunsch zum Geburtstag?
Ja, dass ich auch weiterhin geistig in vollem Umfang die Spiele meiner Löwen verfolgen kann.
Interview: Claudius Mayer