„Wir haben eine echte Luxussituation in unserem Team“

von Redaktion

Der Münchner Johannes Lukas (27), Cheftrainer der fulminant gestarteten schwedischen Biathleten, im Interview

München – Zehn Podestplätze, darunter drei Einzel- und ein Staffelsieg, bei den ersten zwei Weltcups – viel besser als Schwedens Biathleten kann man nicht in die Saison starten. Einen großen Anteil am Erfolg hat der Münchner Johannes Lukas. Gefördert von Ex-Chef Wolfgang Pichler stieg der 27-Jährige in wenigen Jahren vom Praktikant zum Assistent und vergangenen Sommer zum Cheftrainer der „Tre Kronor“ auf. In Schweden ist er für die Wahl zum Trainer des Jahres nominiert. Vor den Rennen ab morgen in Hochfilzen haben wir mit ihm gesprochen.

Herr Lukas, Ihre Mannschaft wird von Lob überschüttet, sind Sie auch zufrieden?

Auf jeden Fall. Vergangenen Winter hatten wir insgesamt zwölf Podestplätze, jetzt stehen wir schon bei zehn. Hanna Öberg führt den Gesamtweltcup an, wir haben eine Frauen-Staffel gewonnen, das alles hat es lange nicht mehr gegeben in Schweden. Wir sind brutal stark gestartet. Warum das so ist, ist schwierig zu erklären.

Haben die Ergebnisse der Vorbereitung darauf hingedeutet?

Die letzten Monate waren durch Corona speziell. Wir haben früh alle Reisen und Trainingslager abgesagt und uns in Ruhe vorbereitet. Die Ergebnisse waren mannschaftlich geschlossen gut, aber es fehlte der internationale Vergleich.

Haben Sie davon profitiert, dass die Regeln in Schweden lange weniger strikt waren?

Ich glaube nicht. Was ich so gehört habe, konnte der Einzelsportler in allen Ländern ordentlich trainieren. Außerdem haben wir im Verband das Thema deutlich strenger gehandhabt als die Regierung. Wir haben früh einen Plan von April bis September aufgestellt, den wir klar kommuniziert haben. Reisen ins Ausland waren verboten, wir haben nur in Östersund trainiert und uns auch dort kreative Lösungen einfallen lassen. Offizielle Fitnessstudios haben wir beispielsweise von Beginn an gemieden.

Hat es geholfen, dass Sie ein vergleichbar kleines Team führen?

Ja, das ist eine Besonderheit in Schweden. Die Strukturen sind kleiner und weniger bürokratisch. Wenn ich sage: „Wir fahren nicht.“ Dann fahren wir nicht.

Einen Schreck gab es in der Vorbereitung trotzdem. Schwedens Ex-Trainer Wolfgang Pichler bangte Ende September nach einem Herzinfarkt um sein Leben. Wie hat das Team das verarbeitet?

Ich wusste schnell davon und konnte es den Athleten sagen, bevor es in der Presse stand. Wir waren alle betroffen, aber das einzige, was wir machen konnten, war noch härter zu trainieren. Das wäre sein Wunsch gewesen. Wir haben uns nach den Rennen in Kontiolahti kurz gesprochen. Wolfgang war aus dem Häuschen. Er sagte, unserer Erfolge seien die beste Medizin für ihn.

Entscheidend daran beteiligt waren die Schwestern Hanna und Elvira Öberg. Können sie ähnlich dominieren wie die norwegischen Boe-Brüder?

Ja, die beiden sind ein tolles Team. Sie arbeiten professionell und bringen die körperlichen Voraussetzungen mit. Hanna (Olympiasiegerin und Weltmeisterin, Anm. d. Red.) hat mit 25 Jahren schon bewiesen, was sie kann. Elvira ist erst 21, ihre Werte werden immer besser, sie hat noch Luft nach oben und wird die nächsten Jahre ganz vorne mitmischen. Aber aktuell könnte sie noch bei den Junioren laufen, das darf man nie vergessen, da hat sie auch bei mir einen kleinen Jugend-Bonus.

Auch Sebastian Samuelsson ist schon Olympiasieger. Bisher fehlt ihm aber die Konstanz …

Auch Sebastian ist erst 23. Bei den Kraftwerten ist er beispielsweise erst jetzt im Topbereich angekommen. Er hat die besten Jahre noch vor sich. So gesehen haben wir eine echte Luxussituation im schwedischen Team.

Und Sie ärgern damit auch die Deutschen.

Wir wollen gefährlich sein und auf den Radar der anderen Teams kommen. Das haben wir geschafft und damit eben auch die deutschen Athleten geärgert. Aber ich versuche im Moment eher, Ruhe reinzubringen. Beim Weltcup in Hochfilzen geht es wieder bei null los, und ich bin mir sicher, dass Deutschland und Frankreich noch einen Gang hochschalten werden. Die Frage ist, ob wir auch noch was draufpacken können.

Spannend wird auch, ob es weiter so viele Corona-Fälle geben wird. Haben Sie eine Erklärung? Sind die Teams unterschiedlich vorsichtig?

Ich hatte viel Kontakt mit den IBU-Verantwortlichen und ich habe das Gefühl, dass unser Verband mit die härtesten Regeln hat, sie sind noch strenger als im IBU-Konzept vorgesehen.

Ein Beispiel?

Wir leben in vier Gruppen – die Trainer, die Techniker, die Frauen und die Männer. Untereinander besteht kein physischer Kontakt. Wir haben eigene Autos, spezielle Essenszeiten und die Besprechungen finden digital statt. Selbst wenn ich also positiv wäre, hätte das keinen Einfluss auf die Athleten. Das ist alles etwas verrückt, aber es funktioniert gut. Die schwedischen Skifahrerinnen, die komplett in Quarantäne waren, haben uns das negative Extrembeispiel geliefert. Das gilt es zu vermeiden.

Interview: Mathias Müller

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