Die extrem spezielle DEL-Saison

von Redaktion

Tabelle nach Punkteschnitt, Kader mit 16-Jährigen – was die Pandemie im Eishockey ermöglicht

VON GÜNTER KLEIN

München – Heute Abend werden Kölner Haie und Düsseldorfer EG in die Lanxess Arena einlaufen, die Halle, in der sie am eindringlichsten spüren, wie anders das Eishockey der kommenden Monate sein wird. Diese Arena bietet 18 500 Menschen Platz, es gibt keine größere Indoor-Sportstätte in Europa. Doch wegen Corona darf niemand da sein. Nirgendwo sonst wird Leere so erdrückend sein.

Doch egal, die Protagonisten sind entschlossen, nicht zu wehklagen. Uwe Krupp, Coach der Haie, sagt: „Wir haben monatelang auf diesen Moment gewartet. Er überstrahlt die Unsicherheit, die war. Bei uns in Köln standen die Fragezeichen bis zwei Minuten vor zwölf.“ Harold Kreis, Trainer der Düsseldorfer EG, nimmt eine neue Bescheidenheit bei allen wahr: „Die Spieler haben festgestellt, wie zerbrechlich eine Karriere sein kann. Nicht nur durch Verletzungen, sondern etwas Unvorhersehbares wie eine Pandemie.“ Was kann dann noch schwer daran sein, sich an eine für einige Zeit veränderte Form des Eishockeys zu gewöhnen? Ohne den Kick von außen, basierend alleine auf der Motivation, die man selbst aufbringt? Wie Training, nur dass es zum Ernstfall wird. Das könne ja sogar interessant werden, findet Uwe Krupp: „Wir werden viel über den Charakter unserer Spieler erfahren.“

Die Frage, wer Meister wird, wer sich für die vier Plätze in der Champions Hockey League qualifiziert oder wie spannend und eng das Rennen um die Teilnahme an den Playoffs entwickelt, ist keine, die sich die Deutsche Eishockey Liga (DEL) jetzt stellt. Für sie zählt erst einmal, dass es diese Saison überhaupt gibt. Und dass die 14 Clubs sie wirtschaftlich gut überstehen und die Beteiligten – Spieler, Trainer, Betreuer – auch gesundheitlich. Idealerweise sind dann auch der Medienpartner Deutsche Telekom mit der Plattform MagentaSport und die als Liganamenssponsor eingestiegene Supermarktkette Penny zufrieden. DEL-Geschäftsführer Gernot Tripcke verzieht leicht die Miene, wenn er den Verdacht hört, seine Liga könnte einen sportlich fragwürdigen Wettbewerb erleben. „Ich brauche ja erst mal einen Wettbewerb, um irgendwas verzerren zu können.“

Die DEL hat ein Paket festgezurrt, um den Wettbewerb in akzeptabler Form über die Bühne zu bringen. Die zentrale Regelung ist: Wenn eine Mannschaft zehn Feldspieler und einen Torwart aufbieten kann (Tripcke: „Das sind zwei Blöcke“), muss sie antreten. Deutsche U 20-Spieler können über die eigentliche maximale Kadergröße (30 Plätze) hinaus lizenziert werden. Verursachen Coronafälle so tiefe Einschnitte in einen Kader, dass Spiele nicht stattfinden können, oder werden ganze Teams unter Quarantäne gestellt – was dann? Entscheidet in der Abschlusstabelle der Punkteschnitt aus absolvierten Spielen. Wobei die Playoff-Berechtigung erlöschen würde, wenn ein Club weniger als die Hälfte der Partien aufzuweisen hat wie das Team mit den meisten. Nicht, so rechnet Gernot Tripcke vor, dass einer daherkommt, drei Spiele macht, sie gewinnt, sich zurückzieht, aber mit einem unübertreffbaren Schnitt von 3,00 Punkten in den Playoffs wähnt. Keine Tricksereien, bitte. Getestet wird in allen Mannschaften vorläufig dreimal pro Woche. Allerdings sind die Hygienekonzepte „dynamisch“, sie können auf veränderte Lagen angepasst werden.

Sportlich erscheint die Aufteilung in zwei Gruppen eher ungerecht. Der Süden beherbergt München, Mannheim, Straubing, die ersten Drei der Vorsaison, im Norden finden sich überwiegend die Mittelklasse und die ausblutenden Krefelder. Trotzdem heißen diese Struktur alle gut: Sie erspart Reisekosten und Reiseaufwand, das ist einem wie Uwe Krupp wichtig: „Wir hatten einen Monat weniger Training als die Düsseldorfer. Die werden besser im Saft sein und wir Lehrgeld bezahlen müssen. Aber der Spielplan lässt uns die Chance, dass wir uns in die Saison reinarbeiten.“

130 Millionen Euro betragen die Umsatzerlöse in einer normalen Saison, 2020/21 wird es, so die Erwartung von Gernot Tripcke, die Hälfte sein. Die Etats wurden angepasst, was vor allem durch Gehaltsverzicht der Spieler möglich war. Vielerorts bleiben Kontingentstellen (bis zu elf pro Club sind erlaubt) unbesetzt, die Kölner Haie, die sonst gerne in Nordamerika oder die Besten der Konkurrenz einkaufen, haben nun „verstärkt im eigenen Nachwuchs geschaut“, so Uwe Krupp. Wahrscheinlich wird er heute im Derby den 16-jährigen Verteidiger Leo Hafenrichter aufbieten. Wie DEL-Chef Tripcke sagt: Die Saison wird „extrem speziell“.

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