Schalke feuert Baum

Königsblauer Blindflug

von Redaktion

DANIEL MÜKSCH

Schalke 04 ist der neue Hamburger SV – ausgestattet mit der gleichen Gabe, sich stets für das Falsche zu entscheiden und mit wehenden Fahnen Richtung Zweitklassigkeit zu taumeln. Wurde noch vor wenigen Jahren die Raute aus der Hansestadt für Misswirtschaft und sportliches Versagen belächelt, ist heute Königsblau das Ziel für Häme und Spott unter Fußball-Fans. Mit der Entlassung von Zweieinhalb-Monats-Trainer Manuel Baum als letzten Beleg der Schalker Hilflosigkeit.

Jahrhundert-Trainer Huub Stevens übernimmt, vielleicht kommt 2021 Feuerwehrmann Friedhelm Funkel – alles weitere Wendungen in der täglichen Seifenoper mitten aus dem Ruhrgebiet.

Und doch mischt sich beim Schalker Fiasko mehr Wehmut als beim Branchenkollegen aus Hamburg in die Beobachtung. Die Phrase „Fußball ist Religion“ wird in Gelsenkirchen sogar von geistlicher Stelle mit Leben gefüllt. Pfarrer Ingo Mattauch lädt vor jedem Heimspiel in die St.- Joseph-Kirche zum Gottesdienst für S04 ein. Das mag lächerlich wirken, mancher gar als Blasphemie bezeichnen, wer allerdings je dort auf einer Kirchenbank während der Messe gesessen hat und den Besuchern in die Augen geschaut, mit ihnen gesprochen hat, denkt anders.

In einer Region mit konstant über zehn Prozent Arbeitslosigkeit, mit verwaisten Fußgängerzonen – nicht nur in der Pandemie – ist der Fußball mehr als ein Sport. Der FC Schalke 04 ist sinnstiftend und gibt den Menschen den Stolz zurück, der vor vielen Jahren irgendwo unter Tage auf der Strecke geblieben ist.

In Hamburg geht das Leben für die meisten Fans auch ohne den HSV weiter. In Gelsenkirchen steht das Leben ohne Königsblau still. Diese besondere Beziehung von einer Region zu einem Fußball-Verein muss man immer im Hinterkopf haben, wenn man jenseits des Ruhrgebiets ins sarkastische Lachen über die Darbietungen des Meisters der Herzen von 2001 einstimmt.

Freilich dürfen die handelnden Person des Clubs sich schonungslos jeder Kritik stellen. Allen voran die Kaderplaner. Seit Jahren wirken die Profis austauschbar. Die Schalke-DNA sucht man vergeblich. Aber das ist nicht die Schuld der Spieler, sondern die Schuld der Leute, die sie an diesen besonderen Ort geholt haben. Pfarrer Mattauch wird sie in seine Gebete einschließen.

Daniel.Mueksch@ovb.net

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