Gelsenkirchen – Beim verzweifelten Ruf der alten Liebe ließ Huub Stevens alles stehen und liegen. „Das blau-weiße Herz schlägt noch immer! Ich konnte nicht nein sagen“, betonte der Jahrhunderttrainer im Schalke-04-Jogginganzug vor seiner heikelsten Mission. Mit einem kräftigen „Glück auf“ meldete sich das Club-Idol nach der Entlassung von Manuel Baum am Freitag zu einem Fünf-Tage-Intermezzo, das einer leblosen Mannschaft irgendwie einen Funken Hoffnung schenken soll. Da muss dann auch Stevens’ Ehefrau Toos ein (vielleicht) allerletztes Mal zurückstecken. Schließlich sei sein Herzensverein „in der Bredouille“, sagte der 67-Jährige – und er berichtete lachend, die Gattin habe bei der Nachricht von seinem vierten Engagement bei den Königsblauen ein überraschtes „Frohe Weihnachten!“ ausgerufen.
Die Mannschaft nach 28 Bundesliga-Spielen in Serie ohne Sieg irgendwie aufzurichten, ihr die weichen Knie zu festigen, wird Stevens´ Aufgabe sein. „Wenn ich es tue, dann mit Spaß und Freude“, sagte Stevens: „Ich brenne!“
Eine der kniffligsten Aufgaben ist gelöst: Er griff am Freitagmorgen zum Telefon, um Baum alles Gute zu wünschen. „Er war angefasst“, berichtete Stevens, bevor er sich zu seinem ersten und vor dem immens bedeutsamen Spiel gegen Arminia Bielefeld am Samstag (15.30 Uhr/Sky) auch einzigen Training aufmachte. Er sei nicht mehr der Jüngste, aber: „Die Stunde auf dem Platz kriege ich schon hin.“
Sportvorstand Jochen Schneider saß zerknirscht neben Stevens und versuchte, seine Entscheidung zu verteidigen. Die Überzeugung sei nicht mehr dagewesen: Nach gerade mal zehn Spielen unter Manuel Baum, der nach dem zweiten Spieltag David Wagner ersetzt hatte.
Dieses Eingeständnis ist ein Armutszeugnis: Nach dem Zwischenspiel mit Stevens wird ein dritter Trainer auf die Gehaltsliste der ohnehin bis über beide Ohren verschuldeten Schalker kommen. „Das ist zwar nicht schön, aber stemmbar“, sagte Schneider.
Persönliche Konsequenzen schloss er trotz des „sehr bitteren“ Jahres aus: „Man rennt in einer solchen Situation nicht weg. Die Truppe ist gefordert, den Turnaround zu schaffen.“ Nach dem Bielefeld-Spiel und der zweiten Pokalrunde gegen den Regionalligisten SSV Ulm (22. Dezember) soll der langfristige Nachfolger Baums verkündet werden.
Gerüchte, er habe intern Friedhelm Funkel vorgeschlagen, ließ Huub Stevens unkommentiert. Funkel selbst sagte: „Ich wurde bisher nicht angesprochen.“ Für Stevens, 1997 UEFA-Pokal-Sieger mit der legendären Generation „Eurofighter“, wird es wieder eine Herzensangelegenheit. Im März 2019 erst war der Niederländer nach der Entlassung von Domenico Tedesco noch einmal auf die Bank zurückgekehrt, er bewahrte den Verein vor dem Abstieg. „Das war definitiv das letzte Mal“, sagte er damals. So kann man sich irren.
Dass er über das Jahresende hinaus Schalke-Trainer bleibt, gilt als sehr unwahrscheinlich. Ein Türchen im Adventskalender aber ließ Stevens dafür lächelnd offen: „Lasst euch überraschen.“ Keine Überraschung war die Trennung von Baum, so sieht das auch Olaf Thon: „Es ist richtig, die Reißleine noch ein zweites Mal zu ziehen“, sagte das Schalke-Idol. sid