„Wollen die nächste Stufe zünden“

von Redaktion

Bayern-Chef Herbert Hainer will mit dem Basketball in Europas Spitze – und vom Fußball lernen

München – Vor gut einem Jahr trat Herbert Hainer das Erbe von Uli Hoeneß als Chef des FC Bayern an. Der 66-Jährige führte den Club seither nicht nur mit Erfolg durch die Pandemie. Auch sportlich erlebt man eine neue Blüte. Im Fußball wie in derzeit auch im Basketball – und gerade dort fühlt sich der frühere Adidas-Chef längst noch nicht am Ziel wie er im Interview erklärte.

Herr Hainer, die wichtigste Frage vorneweg. Wie geht es Ihnen?

Persönlich geht es mir sehr

gut, danke. Ich freue mich jetzt aber auch auf die Weihnachtstage, wenn es wieder ein bisschen ruhiger zugeht. Hinter uns liegt schon eine hektische Zeit.

Im Sport geht es weiter, das öffentliche Leben wurde wieder runtergefahren. Ist der Profisport in einer Pandemie vertretbar?

Das finde ich durchaus, denn meiner Meinung nach ist Sport Teil der Lösung und nicht Teil des Problems. Der Profisport hat in den letzten sechs Monaten mit all seinen Hygienekonzepten bewiesen, dass er mit dieser speziellen Situation sehr verantwortungsvoll umgeht. Es ist deshalb richtig, dass man ihn weiter zulässt, denn Profisport hat auch eine gesellschaftliche Verantwortung. Er kann für Abwechslung sorgen, sodass die Menschen nicht ständig nur Corona im Kopf haben, sondern sich auch mal mit dem Lieblingsverein ablenken können. Der Sport ist gerade jetzt eine willkommene Alternative.

Ist die gesellschaftliche Verantwortung des Sports durch Corona gewachsen?

Definitiv. Nelson Mandela hat schon gesagt: „Sport hat die Kraft, die Welt zu verändern.“ Gerade in diesen schwierigen Zeiten, in denen Menschen viele Sorgen bis hin zu Existenzängsten haben, kann der Sport ein Anker sein. Beim FC Bayern sind Spieler unterschiedlichster Religionen und Kulturen aktiv. Es ist wichtig, dass wir die Krise gemeinsam meistern. Ich habe selbst mit unseren Basketballern bei der Münchner Tafel mitgeholfen. Es ist ein bewegendes Gefühl, wenn du siehst, dass es selbst in Gesellschaften wie Deutschland viele gibt, die sich Essen abholen müssen, weil sie sonst Schwierigkeiten haben, zu überleben. Da haben wir als privilegierte Menschen eine Verantwortung gegenüber Leuten, denen es nicht so gut geht.

Welchen Anspruch haben Sie als Präsident an die soziale Verantwortung des FC Bayern?

Ein Verein hat per se eine soziale Verantwortung, weil sich in einem Verein immer Menschen zusammenfinden, die ähnliche Hobbys oder eine ähnliche Idee haben; es wird Kameradschaft gepflegt. Gerade der FC Bayern hat durch seine Vorbildrolle eine besondere Verantwortung. Da bin ich zu hundert Prozent wie Uli Hoeneß gestrickt, der die soziale Komponente hier in den Vordergrund gestellt hat. Das ist sicherlich auch ein Grund für die weltweite Beliebtheit des FC Bayern. Erfolg und soziale Verantwortung werden bei uns sehr eng zusammengebracht, und das werden wir auch so weiterführen.

Im Gegensatz zu den Profis kann die Jugendabteilung der Basketballer nicht trainieren und spielen. Wächst der Frust beim Nachwuchs?

Der Frust wächst nicht nur bei den Jugendlichen, sondern auch bei uns im Verein selbst. Wir wissen, wie wichtig es ist, dass sich junge Menschen treffen, austauschen und Sport treiben. Wenn ich mich zurückerinnere: Als ich 16 war, wollte ich natürlich auch mit den Freunden losziehen, mich unterhalten und etwas erleben. Das fehlt aktuell und kann für die Entwicklung der Jugendlichen auf Dauer nur schädlich sein. Wir sollten uns als Gesellschaft überlegen, ob wir der Jugend den Sport, unter Einhaltung der Hygienevorschriften, nicht wieder ermöglichen wollen. Auch die Politik muss hier dringend Überlegungen anstellen.

Viele Leute befürchten, dass eine ganze Generation an die Playstation verloren wird.

Die Tendenz zur Playstation ist ja schon länger da und wird aktuell sicherlich noch mal verstärkt.

Sie sind nun seit gut einem Jahr Präsident des FC Bayern. Wie viel Uli Hoeneß steckt noch im Verein?

Wir kennen uns seit 25 Jahren, sind gut befreundet und teilen viele Ansichten. Der Uli, und da bin ich ihm unheimlich dankbar, steht uns immer noch mit Rat und Tat zur Seite, wann immer wir ihn benötigen.

Von Uli Hoeneß haben Sie nicht nur das Erbe der Fußballer angetreten. Auch die Basketballabteilung war sein Herzensprojekt. Mussten Sie vom Basketball überzeugt werden?

Durch meine Zeit bei Adidas hatte ich immer viel mit Basketball zu tun. Ich war derjenige, der Kobe Bryant vor 18 Jahren verklagt hat (lacht). Das war am Tag nach dem Playoff-Finale, er hatte den Vertrag mit uns gebrochen. Basketball habe ich als Sport immer schon gemocht. Es ist bewundernswert, was Uli Hoeneß mit der Unterstützung von Geschäftsführer Marko Pesic aufgebaut hat. Wir wollen das weiter entwickeln, denn Basketball tut dem FC Bayern unheimlich gut. Mit dem SAP Garden können wir die nächste Stufe zünden, denn mit der neuen Arena werden wir zusätzlich eine noch jüngere Zielgruppe erreichen. Wir haben dann eine der modernsten Arenen im Basketball weltweit.

Die nächste Stufe, um auch im Basketball zu Europas Spitze zu gehören?

Ganz klar: In den nächsten fünf bis zehn Jahren möchten wir in der europäischen Spitze etabliert sein. Ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass der FC Bayern das im Kreuz hat.

Wobei die Mannschaft schon jetzt einen starken Eindruck macht.

Das stimmt. Wir haben im Sommer analysiert, was in der letzten Saison falsch gelaufen ist. Wir haben gesagt, dass wir eine emotionalere Mannschaft wollen; eine, die alles gibt für den Erfolg und bis zuletzt kämpft. Dafür brauchten wir einen Trainer, der das verkörpert.

Sie fanden Andrea Trinchieri.

Was ich bei Trinchieri immer beobachte: Wenn er einen Spieler auswechselt, erklärt er ihm noch auf dem Weg zur Bank, was er anders und besser machen kann. Das ist sicherlich nicht immer angenehm für die Spieler. Doch genau das beschreibt diese Intensität, die wir uns vom Trainer erhofft haben.

Bei ihm wirkt es manchmal wie Besessenheit.

Diesen unbedingten Willen nach Erfolg braucht man. Das können die Basketballer von den Fußballern lernen. Es hat den FC Bayern immer ausgezeichnet, dass er jeden Titel gewinnen wollte und nie satt war. Aktuell verkörpert etwa Joshua Kimmich im Fußball diese Besessenheit nach dem Maximum. Im Basketball haben wir in Vladimir Lucic auch so einen Charakter.

Sie haben mit angestoßen, dass bei den Basketballern auch vermehrt Spieler aus dem Nachwuchs herangeführt werden sollen.

Es muss eine gute Mischung aus Topstars und Kräften aus dem eigenen Nachwuchs geben. Wir sind nicht in der Lage, dass wir uns 15 Stars leisten können. Diese Budgets haben andere Clubs. Wenn wir jungen Menschen die Chance geben, aus der eigenen Jugend in die Profimannschaft reinzuwachsen, wird es einen unheimlichen Motivationseffekt geben. Wir wollen Talente zu Topspielern entwickeln.

Wie gelingt das?

Indem wir diesen jungen Spielern mehr vertrauen. Trinchieri hat uns bei einem Abendessen vor der Saison gesagt, dass er in der Euroleague immer mit den stärksten Spielern antreten wird. Da die Saison aber so kraftzehrend ist, will er in der Bundesliga auch vermehrt den Talenten Einsatzzeiten geben. Das kann aber auch bedeuten, dass wir mal ein Bundesligaspiel verlieren – und nicht nur gegen ein Topteam wie Berlin.

Bei den Fußballern vertraut Hansi Flick dem 17-jährigen Jamal Musiala. Können die Basketballer auch da lernen?

Bei den Fußballern gab es zwei unterschiedliche Phasen. Die eine vor zehn Jahren, als etwa Thomas Müller oder David Alaba zu den Profis gestoßen sind. Dann kam jahrelang nichts. Erst seit zwei bis drei Jahren kommen wieder die Talente aus dem Campus. Musiala ist eins von vielen positiven Beispielen, er sticht gerade hervor. So wollen wir das auch im Basketball bestreiten, da wollen wir Aufbauarbeit betreiben und besser scouten.

Welche Rolle spielt der Campus im Basketball?

Wir sind dabei, ein Performance Center zu planen, das unter anderem eine Dreifach-Basketballhalle enthält. Dort soll die Abteilung langfristig eine neue Heimat finden, mit der kompletten Infrastruktur. Dadurch entstehen viel bessere Trainings- und Betreuungsmöglichkeiten. Und wir können mehr Jugendliche zum Basketball bringen.

Was ist der nächste Schritt für die Basketballer?

Die Playoffs in der Euroleague. Doch wenn Sie bedenken, dass wir letztes Jahr auf Platz 17 waren und dieses Jahr mindestens Achter werden müssen, ist das schon ein riesiger Schritt. Sie können aber gerne schreiben, dass der Präsident überzeugt ist, dass wir es schaffen. Das wird den Trainer nicht zu sehr unter Druck setzten (lacht).

Zur neuen Saison wurden keine Stars verpflichtet. Es gab keinen Transfer wie Greg Monroe.

Da wir Basketball nicht quersubventionieren, können wir mit den Budgets der Topvereine aus Europa nicht mithalten. Was die Stars dort teilweise verdienen, können wir nicht stemmen. Wir geben den Spielern aber die Chance, ihren eigenen Fußabdruck zu hinterlassen. Dass sie sagen können: Wir haben beim FC Bayern etwas mit aufgebaut und zum Beispiel den Verein in die Playoffs geführt.

Wie weit hat Corona die Planungen des Vereins zurückgeworfen?

Wir lassen uns nicht von unserem Weg abbringen. Corona wird auch irgendwann vorbei sein, wir halten an unseren Zielen fest. Aber die Arbeitsweise ist natürlich eine komplett andere. Wir leben teils in einer Blase, die Reisen sind oft extrem kompliziert. Das ist für alle eine neue Situation und hat deutlichen Einfluss auf unsere tägliche Arbeit. Und auch beim Basketball haben wir jetzt schon etwa drei Millionen Euro durch die fehlenden Zuschauer verloren.

Sie haben einmal gesagt, wenn man nach Nürnberg fahren will und es gibt eine Baustelle, muss man halt eine Umleitung nehmen. Wie weitläufig ist die Umleitung beim FC Bayern durch Corona?

Sie haben gut zugehört (lacht). Sportlich müssen wir keine großen Umwege fahren. Wir haben weiterhin sehr gute Trainingsmöglichkeiten und können an allen Wettbewerben teilnehmen. Aber wie gerade erwähnt: Auf der wirtschaftlichen Seite fahren wir schon mal über Neumarkt in der Oberpfalz, um nach Nürnberg zu kommen. In einer normalen Saison nehmen wir bei den Tickets insgesamt circa sechs Millionen Euro ein, da kann sich jeder den Verlust ausrechnen.

2020 ist bald vorüber. Wie lautet Ihre Jahresbilanz als Präsident?

Es war ein sehr herausforderndes Jahr. Wir hatten unglaublich viele sportliche Erfolge. Die Fußballer haben mit fünf Titeln alles überstrahlt. Corona hat uns aber vor Herausforderungen gestellt, die meine Generation noch nicht erlebt hat. Ich finde, der FC Bayern hat sich bislang in der Krise sehr gut geschlagen, gerade was seine gesellschaftliche Verantwortung angeht. Wir mussten aber auch die Firma zusammenhalten, den Mitarbeitern Sicherheit geben. Insgesamt macht mich das Erreichte aber stolz und lässt mich mit Zuversicht in das neue Jahr gehen. Weil ich gesehen habe, dass man mit diesem FC Bayern und seinen Mitarbeitern unglaublich viel bewegen kann. Wenn es hart wird, hält die Familie zusammen. Unsere Fans vermissen wir allerdings unheimlich, das schmerzt.

Interview: Nico-Marius Schmitz und Patrick Reichelt

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