Schöne neue Fußball-Welt?

von Redaktion

Ein Sport, zwei Systeme: 2050 wird auf dem Platz alles anders sein – prognostiziert eine Studie

VON HANNA RAIF

München – Die Fußballschuhe waren schwarz. In der Kabine ging es um Taktik. Und die Spiele gab es ausschließlich im Free-TV zu sehen. Fußballromantiker schauen gerne zurück, die WM 1990 ist da ein willkommener Gradmesser für all das, was seitdem passiert ist. Heute verdienen die Stars der Branche ein Vielfaches, die Füße stecken in knallbunten Tretern, bis kurz vor Anpfiff geht es um den besten Instagram-Post und die Fans müssen diverse Abos abschließen, um alle Partien ihres Lieblingsvereins sehen zu können. Das berechtigt durchaus zur Frage: Wie sieht es in 30 Jahren aus?

„Fußball 2050“ – das ist der Titel eines Reports, der von Stefan Bader (Geschäftsführer teamwerk sport GmbH) und Betriebswirt und Trainer Werner Grabherr vor Kurzem veröffentlicht wurde. Er ist nicht wissenschaftlich signifikant, aber aussagekräftig. Das Duo hat neben einer Online-Umfrage 30 teilstrukturierte Interviews von Experten mit unterschiedlichen Hintergründen – Vereinsführung, externe Dienstleister, Sponsoren, Ausrüster, ehemalige Spieler, Journalisten – geführt, um Trends, Entwicklungen, Gefahren und Potenziale der Branche breit bewerten zu lassen. Die Zukunft vorhersagen können sie nicht, betonen sie, aber mit ihrer Arbeit „die handelnden Personen dazu anregen, sie selbst zu gestalten“. Sie raten den Fußball-Machern, „vernetzt“ zu denken, mit Weitsicht. Denn die Experten sind sich einig, dass der Fußball von heute mit jenem in 30 Jahren nicht viel gemein haben wird.

Natürlich war es für Bader und Grabherr passend, dass die weit vor der Pandemie konzipierte Studie zum Teil durchgeführt wurde, während die Fußballwelt – wie alle anderen gesellschaftlichen Bereiche – durch die Corona-Krise durcheinandergewirbelt wurde. Offenen Umgang mit Fehlentwicklungen und Kritik, ja sogar Demut hat man im Jahr 2020 aus der Branche vernommen, die in den vergangenen Jahren von Außenstehenden gerne als „abgehoben“ bezeichnet wurde. Die Selbsterkenntnis war da, der Weg zur Besserung aber wird nur partiell beschritten. Dass eine „Task Force Profifußball“ damit beauftragt wurde, die Entwicklungen zu überdenken, hört sich gut an. Dass sich in diesem Milliarden-Markt aber grundlegend etwas ändern wird, ist eher ausgeschlossen.

Die Chancengleichheit, so sagen es Bader und Grabherr, wurde bereits durch die Einführung der Champions League vor knapp 20 Jahren ad absurdum geführt. Wie brisant das Thema Geld ist, hat allein die Debatte um die Verteilung der TV-Gelder gezeigt, die die deutschen Profi-Ligen im Herbst beschäftigte. Die Machtverhältnisse sind zementiert, die Experten sehen kein Zurück mehr. Vielmehr ist die Kernaussage des Reports 2050: „Ein Sport – zwei Systeme: Der Fußball wird seine Anziehungskraft nicht verlieren, aber sie wird in zwei unterschiedliche Welten getrennt.“ Reinen Sport und pures Entertainment.

Die Topclubs – also auch die Bayern – werden in einer globalen Liga antreten, Gehälter wie Transfersummen weiter explodieren. Immerhin soll eine Gehaltsobergrenze die Chancengleichheit wahren und die eigenständig organisierte Eliteliga interessant halten. Demgegenüber steht der Fußball in den nationalen und regionalen Ligen, der sich auf seine Wurzeln besinnt. Sport als Kulturgut, integrations- und interaktionsfördernd. Fan-Gruppierungen werden mit Kommerzialisierung nichts mehr zu tun haben wollen, sondern die kleinen Clubs unterstützen. Werte wie Fairplay und Respekt rücken so wieder in den Vordergrund.

Was daheim passiert, wird die Großclubs wenig interessieren, denn sie leben in ihrer eigenen Welt. Keine Unternehmen, sondern echte Konzerne werden sie sein, ihre Aktivitäten reichen weit über das sportliche Geschehen hinaus. Clubs werden so zu multifunktionellen Plattformen, die ihre Reichweite optimal nutzen können und wollen. Hotels, Gastronomie, Kranken- und Medienhäuser – alles ist passend, um Synergien zu nutzen und noch wirtschaftlicher zu werden. Sie buhlen weiter um Milliarden, während die kleinen ums Überleben kämpfen. Allerdings soll auch das – mit dem richtigen Mittel – nicht aussichtslos sein.

Identifikation ist das Stichwort, das die Zukunft bestimmt. Das heißt: Jeder Verein muss seine eigene Position in der Gesellschaft finden, um eine Daseinsberechtigung zu haben. „Vereine werden zukünftig nicht mehr nur an ihrem sportlichen Abschneiden gemessen, sondern auch an ihrer Bedeutung für die Gesellschaft“, sagt Bernd Wahler, als ehemaliger Präsident des VfB Stuttgart einer der Befragten. Das gesamte Erscheinungsbild nach außen muss einer Linie folgen, die handelnden Personen passend dazu ausgewählt werden. Cheftrainer, sportlicher Leiter, Geschäftsführer – die Verantwortung wird sich auf wenige kompetente Fachkräfte bündeln. Die allerdings müssen für Kontinuität stehen. Ein Beispiel: Ein Trainer ist in der Bundesliga durchschnittlich zwei Jahre und vier Monate im Amt, in der NBA vier Jahre und sieben Monate. Der kurzfristige sportliche Erfolg wird 2050 weniger Bedeutung haben. Konstanz ist wichtiger.

Es gibt zahlreiche weitere Entwicklungen, die sich andeuten. Das Stadion etwa wird zum Mittelpunkt eines eigenen Vereins-Ökosystems, auch außerhalb von Spieltagen variabel nutzbar. Das Thema Nachhaltigkeit steht im Vordergrund, genauso aber die technischen Möglichkeiten. Das Erlebnis am Spieltag etwa gleicht einem echten Abenteuer. Virtual-Reality-Brillen, Hologrammtechnik – von überall auf der Welt wird es möglich sein, direkt neben seinen Idolen auf dem Platz zu stehen. Die neuen Möglichkeiten üben Faszination aus – ob aber jeder sie gut finden wird? Immerhin, sagt Bader, bleibt eine Konstante: „Das Spiel selbst. Das lehrt die Vergangenheit.“

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