Kitzbühel – Die Gefühlslage war eindeutig, die von Andreas Sander, auch wenn er eigentlich keiner ist, der gerne Einblicke gewährt. Der gebürtige Westfale genießt oder ärgert sich eher im Stillen. Als der deutsche Skirennläufer gestern nach der zweiten Weltcup-Abfahrt in Kitzbühel abschwang, brachte er erst noch die obligatorische Materialkontrolle hinter sich, ehe er tat, was getan werden musste. In den lauten Schrei, mit dem er die Stille am Fuße des Hahnenkamms durchbrach, packte er seinen ganzen Unmut. Die Ausfahrt Steilhang habe er nicht so gut erwischt, klagte Sander später, „und im Mittelteil war es zu verkrampft“.
Klingt nach einer verkorksten Fahrt und nicht nach dem sechsten Platz, auf dem Sander schließlich landete, direkt hinter dem Mannschaftskollegen Romed Baumann, mit einer Sekunde Rückstand auf Beat Feuz. Der Schweizer war wie am Freitag der Schnellste, gewann vor Johan Clarey aus Frankreich und dem Österreicher Matthias Mayer. Mit diesem Doppelerfolg tilgte er den Makel des ewigen Zweiten auf der Streif an diesem Wochenende sehr eindrucksvoll.
Es sagt einiges über die Entwicklung einer Abfahrtsmannschaft aus, wenn ein Athlet mit seiner Leistung hadert, statt sich über ein Ergebnis zu freuen, das noch vor vier, fünf Jahren einer besonderen Erwähnung bedurft hätte, zumal auf einer Strecke, die als eine der spektakulärsten und anspruchsvollsten im Weltcup gilt. Mittlerweile mischen die Deutschen in der schnellsten Disziplin kräftig vorne mit, und das obwohl in Thomas Dreßen der Beste derzeit nach einer Hüftoperation noch verletzt fehlt. Bis der dreimalige Abfahrtssieger der vergangenen Saison zurückkehrt, vielleicht sogar bei der WM im Februar in Cortina d’Ampezzo, liegt der Fokus auf Sander und Baumann. Die beiden sind für „die klare Vorwärtsentwicklung“, wie es Alpinchef Wolfgang Maier bezeichnet, in diesem Winter verantwortlich. In drei der fünf Abfahrten des Winters landete Sander in den Top Ten, Baumann schaffte dies sogar viermal. Im Disziplin-Weltcup liegt deshalb der gebürtige Tiroler, der seit vergangenem Winter für den Deutschen Skiverband fährt, direkt vor Sander auf dem sechsten Platz. „Wir gehören sicher zum Kreis, der bei der WM um eine Medaille mitfahren kann“, sagt Maier.
Mannschaftsinterne Duelle können motivieren, aber eben auch bremsen, und das hat Baumann in Österreich erlebt, wo der Kampf um die Startplätze aufreibend sein kann und das Betriebsklima beeinträchtigen. Manche Athleten kommen mit dieser Gemengelage gut zurecht, andere reiben sich dabei auf. Baumann gehörte zur zweiten Gruppe. Seit seinem Wechsel zum DSV blüht er auf, hat sich mit nun 35 Jahren noch einmal zurück in die Weltspitze gekämpft. Der fünfte Platz vom Sonntag war sein bestes Abfahrtsergebnis seit sechs Jahren.
Baumann profitiert von der guten Stimmung in der Mannschaft und lässt dafür die Kollegen teilhaben an seinem großen Erfahrungsschatz. In Kitzbühel startete er in beiden Abfahrten als erster Deutscher, ganz bewusst wählte er am Sonntag eine frühe Nummer. Dass er deshalb noch keine Informationen über die Strecke hatte, sich ganz auf seinen Eindruck bei der Besichtigung verlassen musste, nahm er in Kauf – und ließ den kurz nach ihm startenden Sander noch per Funk unter anderem wissen, dass der Sprung, der am Freitag noch eine gefährliche Klippe gewesen und deshalb abgetragen worden war, kein Problem mehr sei. „Ich“, sagt er, „trau mir das zu“, die Rolle des Leaders.
Und er macht sich „keinen Kopf“, dass der nächste Schritt, der nach ganz vorne, bisher noch nicht klappte. „Wenn du solide unter die Zehn fährst, wird es auch einmal für das Podium reichen“, ist Baumann sicher. Vielleicht schon in zwei Wochen auf der heimischen Kandahar in Garmisch-Partenkirchen. Oder Mitte Februar bei der wichtigsten Abfahrt des Winters. Die bei der WM.