Krise bei Hertha BSC

Klinsmann zu lange der Sündenbock

von Redaktion

DANIIEL MÜKSCH

Es gibt kaum einen Kommentar oder eine Analyse, die sich mit der Misere bei Hertha BSC befassen und nicht das Bild des größenwahnsinnigen „Big City Club“ bemühen. Auch die folgenden Zeilen nicht. Doch man muss dem Begriff schon auf den Grund gehen, um ihn in die Geschehnisse bei Hertha einordnen zu können.

Zentraler Punkt ist die Suche nach dem Urheber. Der ist nicht Jürgen Klinsmann. Sondern Investor Lars Windhorst. In einem opulenten Spiegel-Interview sagte er kurz nach seinem Einstieg: „Die Hertha kann wie andere Clubs in London oder Madrid zu einem echten ‚Big City Club‘ werden.“ Noch einmal: Nicht Klinsmann. Windhorst hat diesen Anspruch formuliert. Der prominente Ex-Trainer mit Wohnsitz in Kalifornien wurde nämlich allzu gerne nach vorne geschoben, wenn nach Gründen für die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit bei der alten Dame Hertha gesucht wurde.

Freilich hat Klinsmann in der Außendarstellung viele Angriffspunkte geboten. Wie sein Tagebuch, das wundersamerweise an die Öffentlichkeit – die Bild-Zeitung – gelangte. Doch viele der Punkte, die Klinsmann dort angesprochen hat, fliegen den Verantwortlichen nun um die Ohren. „Katastrophale Kaderplanung“, „keine Leistungskultur“, „ohne reines Fußballstadion keine Euphorie“: All diese Punkte bemängelte Klinsmann vor knapp einem Jahr – und wegen dieser Punkte müssen Manager Preetz und Trainer Bruno Labbadia nun gehen. In der Zwischenzeit haben Preetz und Co. Klinsmann allzu gerne als Alleinschuldigen hingestellt, und das eigene Versagen leise unter den Teppich gekehrt.

Nun soll es wohl erst einmal wieder Pal Dardai richten. Ein respektabler Trainer, bei dem man sich nicht um die Identifikation mit dem Verein sorgen muss. Aber passt dieser Übungsleiter zu der Vision von Lars Windhorst aus seinem Spiegel-Interview? Mit Pal Dardai Real Madrid und Chelsea London herausfordern? Zweifel bleiben.

Herthas BSC muss dringend seine Identität finden und noch wichtiger: sich der Realität stellen. Sonst fährt der „Großstadtclub“ nächstes Jahr eher nach Sandhausen als an die Liverpooler Anfield Road.

Daniel.Mueksch@ovb.net

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