„Ich wollte mit einem Lächeln gehen“

von Redaktion

Ex-Biathlet Simon Schempp zu seinem Rücktritt, den deutschen WM-Chancen und seiner Zukunft

München – Simon Schempp war ein Jahrzehnt lang eine prägende Figur des deutschen Wintersports. Der in Ruhpolding lebende Schwabe gewann als Biathlet elf Medaillen bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften, im Weltcup schaffte es der 32-Jährige 25 Mal aufs Podest, davon zwölf Mal als Sieger. Zum Publikumsliebling stieg Schempp auch auf, weil er stets die Aura des feinen Kerls ausstrahlte. Nun aber machte er Schluss mit seiner Leidenschaft und erklärte noch während der laufenden Saison schweren Herzens seinen Rücktritt.

Simon Schempp, Sie haben vorige Woche etwas überraschend Ihren sofortigen Rücktritt vom Leistungssport bekanntgegeben. Sie galten als ein besonders leidenschaftlicher Sportler. Tut’s noch weh?

Ich glaube schon, dass ich den Trennungsschmerz überwunden habe. Es war eine unheimlich schöne Zeit, ich konnte so viele schöne Sachen erleben, auch emotional. Da bleibt so viel Positives zurück, dass ich es mit dem Negativen, das ich zum Schluss meiner Karriere erlebte, nicht mehr länger übertünchen wollte. Ich wollte einfach mit einem Lächeln gehen; das ist mir auch absolut gelungen. Die Entscheidung fühlt sich richtig an.

Sie mussten in Ihrer Karriere ja öfters gesundheitliche Nackenschläge einstecken – und haben sich stets zurückgekämpft. Was war diesmal anders?

Ich hatte ja über Jahre mit Problemen zu kämpfen. Das fing schon ein paar Wochen nach den Olympischen Spielen 2018 in Pyeongchang an. Und seitdem hadere ich mit mir. Ich bin einfach nicht mehr richtig in die Spur gekommen, dann kamen Verletzungen dazu. Mein Körper hat die Wettkämpfe und auch das Training nicht mehr gut verkraftet. Das wollte ich nicht mehr länger ignorieren. Das hat mich einfach zu unzufrieden gemacht.

Sie bestritten 2009 Ihr erstes Weltcup-Rennen. Was hat für Sie in all den Jahren die Faszination am Biathlon-Sport ausgemacht?

Das war die Kombination von zwei komplett konträren Sportarten – die Komplexität des Biathlons. Man braucht eine sehr gute Lauftechnik, man braucht sehr gute Ausdauer, man braucht am Schießstand eine ruhige Hand und zugleich eine unheimlich schnelle Reaktion, man muss sehr stark im Kopf sein, weil viele Situationen im Kopf entschieden werden. Es spielen so viele Faktoren eine Rolle, dass es eine Riesenherausforderung ist. Das ist nur mit unheimlich viel Training zu meistern. Doch wenn es dann aufgeht und gute Ergebnisse herauskommen, dann ist es ein absolut tolles Glücksgefühl.

Für Sie ist es öfters aufgegangen, Sie sind Weltmeister geworden, holten olympische Medaillen. Was waren die schönsten Momente?

Zum Beispiel in Antholz mein erster Weltcupsieg. Der erste Weltcupsieg ist für jeden eine Riesenhürde. Da war ein sehr emotionaler Moment. Das werde ich nie vergessen. Dann 2015 das Staffelrennen bei der WM in Kontiolahti. Da war ich Schlussläufer und konnte mit der deutschen Fahne ins Ziel laufen. Das war auch ganz, ganz toll. Wenn man zusammen mit drei Mannschaftskameraden Gold holt, da kommt von jedem eine solche Freude, das ist wirklich ein wunderbares Gefühl. Und extrem schön war auch 2017 in Hochfilzen meine erste und einzige Goldmedaille in einem Einzelrennen einer WM.

Das sind ja in ihrem Team einige Freudentränen geflossen, bei Betreuern, Trainern, sogar beim Medienchef. Haben Sie das damals mitbekommen?

Ja. Als ich in die Augen von den Betreuern geschaut haben, hat mich das schon sehr bewegt, dass ich die alle so berührt habe. Das ist mir enorm nahe gegangen.

Die am Mittwoch beginnende WM wird vermutlich weniger emotional für Sie werden. Sie werden ihre bisherigen Teamgefährten nur im Fernsehen verfolgen können. Was trauen Sie denn den deutschen Biathleten in Pokljuka zu?

Da ist schon einiges möglich. Auch wenn die Vorzeichen in früheren Jahren vielleicht etwas besser waren. Bei den Frauen hat Franzi (Franziska Preuß, Schempps Lebensgefährtin/Anmerk. d. Red.) eine sehr konstante Saison. Bei ihr schaut es sehr gut aus. Denise Herrmann wird der Schießstand in Pokljuka entgegenkommen. Der ist ja einer der leichteren. Man kommt aus einer Abfahrt, meistens sind gute Schießbedingungen, es herrscht wenig Wind, das kann einem helfen. Wenn bei ihr die Trefferleistung stimmt, ist sehr viel möglich. Bei den Männern glaube ich, dass Arnd Peiffer in der Lage ist, weit nach vorne zu kommen. Wenn man bei ihm nicht so viel erwartet, ist oft sehr viel drin. Bei Erik Lesser weiß man, dass er gerade bei Saisonhöhepunkten starke Leistungen zeigt. Benni Doll war zuletzt in Antholz auf der Strecke sehr gut unterwegs. Ihm hilft – wie der Denise – sicher auch etwas der Schießstand. Auch von ihm kann man was erwarten.

In diesem Winter waren ja die Norweger bisher übermächtig.

Die sind wirklich faszinierend. Früher hatten sie ihre drei, vier Spitzenathleten. Aber jetzt sind sie noch breiter mit Klasseleuten aufgestellt. Sogar im zweitklassigen IBU-Cup. Die haben da bei jedem Rennen eine Masse und Klasse am Start, das ist schon beeindruckend.

Da wird es schwer, überhaupt aufs Podium zu kommen.

Ja, das stimmt schon. Aber es ist nicht aussichtslos. Gerade bei einer WM kommt es immer wieder zu Überraschungen.

Den Kern des deutschen Biathlon-Teams bildeten fast ein Jahrzehnt lang vier Sportler, die allesamt WM-Titel holten. Peiffer, Lesser, Doll und Sie. Man sprach da auch vom Club der Weltmeister – eine große Generation. Es wird wohl in absehbarer Zeit zu einem Umbruch kommen. Mit Ihrem Rücktritt haben Sie den Anfang gemacht. Man sieht aber derzeit niemand, der die alte Garde gleichwertig ersetzen könnte.

Das ist richtig. Wenn man das knallhart analysiert, muss man sagen: Bei denen die etwas jünger und beim Weltcup dabei sind, steht beim Alter auch bald ein Dreier davor. Von ganz unten aus den jungen Jahrgängen kommt keiner nach, bei dem absehbar wäre, er wäre mal fähig, konstant gute Leistungen zu bringen. Es wird in der Zukunft sicher nicht leichter, eher schwerer. Bei den Männern – und auch bei den Frauen. Da wartet eine Menge Arbeit auf die Verantwortlichen.

Wie geht es bei Ihnen denn persönlich weiter?

Ich werde Wirtschaftsingenieurswesen in Rosenheim studieren. Da geht es schon am 15. März los. Für mich war wichtig, dass ich nach dem Sport gleich wieder ein Ziel habe. Und auf das Studium habe ich auch richtig Lust.

Ist ein Trainerjob für Sie ausgeschlossen?

Erstmal schon. Auch wenn man niemals nie sagen sollte. Aber jetzt kommt das auf keinen Fall in Frage.

Es heißt, Sie würden in Ihrem Wohnort Ruhpolding als Nachwuchstrainer aktiv werden…

Das ist noch nicht spruchreif. Mir ist in letzter Zeit öfter die Frage gestellt worden, ob ich nicht in irgendeiner Form dem Sport treu bleiben möchte, ob ich mich nicht im Nachwuchs engagieren möchte. Gerade in Ruhpolding ist immer Not am Mann. Meine absolute Priorität liegt aber vorerst auf meinem Beruf, also auf dem Studium. Wenn es da gut klappt, dann würde ich als Nachwuchstrainer schon behilflich sein.

Was würden Sie denn Ihren Schützlingen als wichtigsten Rat auf den Weg geben?

Ich würde ihnen sagen: Ihr müsst fleißig sein. Biathlon ist eine Sportart, in der man unheimlich viel trainieren muss. Wo einem nichts geschenkt wird. Trainingsfleiß und Willensstärke sind die wichtigsten Hauptfaktoren, um eines Tages Erfolg haben zu können. Ich selbst habe viel investiert, bin aber auch dafür belohnt worden. Ich konnte mein Hobby, das ich mit zwölf, 13 Jahren begann, zum Beruf machen. Das ist ein großes Privileg, mit dem man glücklich sein kann.

Interview: Armin Gibis

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