Cortina d’Ampezzo – An Skifahren war nicht zu denken. Es gab noch einmal heftigen Schneefall in Cortina d’Ampezzo. Aber der Mittwoch, so sagen die Meteorologen, soll der letzte schlechte Tag bis zu zum Ende der Ski-WM gewesen sein. Die Chancen, dass heute die Super-G-Rennen der Frauen und Männer stattfinden können, stehen gut.
Die Deutschen nutzten den dritten freien WM-Tag in Serie, um im Mannschaftsquartier drei Kilometer außerhalb von Cortina zu regenerieren. Im Hotel Mirage war vor WM-Beginn extra ein großer Fitness- und Konditionsraum eingerichtet worden, weil wegen der Corona-Pandemie die Turnhallen gesperrt sind. Dass er den bisher öfter gesehen hat als die Skipiste, findet Simon Jocher nicht so schlimm. „Ein bisschen Luft zwischen den Rennen zum Runterkommen“ sei gar nicht schlecht, sagte er vor seinem WM-Debüt.
Der 24 Jahre alte Schongauer erlebt gerade eine Saison der Premieren: Das erste Mal Weltcup-Punkte geholt, dann das erste Mal unter den besten 15 gelandet, das erste Mal auf der Streif in Kitzbühel und bei anderen herausfordernden Abfahrten gestartet. Und nun eben das erste Mal bei einer Ski-WM. Dabei hat Jocher die offiziellen Qualifikationskriterien knapp verpasst. Die handhabt der Deutsche Skiverband bei Weltmeisterschaften allerdings stets variabel, nominierte schon öfter Talente für Großereignise. Felix Neureuther gehörte 2003 ebenso dazu wie Viktoria Rebensburg 2007 oder Kira Weidle 2015. Und Jocher ist schon ein paar Schritte weiter, als es einst die drei bei ihren WM-Debüts gewesen waren.
Er hat sich im Sog der Etablierten in der Mannschaft in dieser Saison erstaunlich schnell herangepirscht an die erweiterte Weltklasse. In seinem erst siebten Weltcup-Rennen ließ er mit Platz 15 aufhorchen, und das in Bormio, auf der sehr anspruchsvollen „Stelvio“. In drei der darauffolgenden fünf Rennen holte er Weltcup-Punkte, nur am Kitzbühel-Wochenende ging er leer aus. In Garmisch überraschte er dann mit einer vorzüglichen Trainingsfahrt und angesichts der Bedingungen für spätere Startnummern sehr ordentlichen Leistungen. Da habe er dann „schon ein bisschen mit der WM spekuliert“. Zumal ihm die Trainer davor zwei Slalomtage in den Plan geschrieben hatten für die Kombi, „und die gibt es nur bei der WM“, sagte er.
Jocher ist Schnellfahrer auf dem zweiten Bildungsweg. Im Nachwuchs war er viele Jahre in Slalom und Riesenslalom unterwegs, ehe er auf die längeren Skier umstieg. Diese Ausbildung komme ihm in den technischen Passagen zugute, findet er. „Das ist meine große Stärke“. Jocher hat ein gesundes Selbstbewusstsein, weiß aber, dass er lernen kann. Von Thomas Dreßen zum Beispiel, „das ist eine brutale Rennsemmel“, sagt er. Im Wohlfühlklima der Abfahrtsmannschaft hat sich Jocher seinen Platz erobert. „Jeder weiß, dass er schnell ist“, sagte Cheftrainer Christian Schwaiger.
Wer erstmals bei einer WM startet, muss nicht nur mit der eigenen Erwartung zurechtkommen, sondern mit der selbst in Corona-Zeiten speziellen Atmosphäre. Aber Schwaiger sieht den Novizen gut vorbereitet – und traut ihm in Cortina den nächsten Schritt zu: „Wenn ihm ein Lauf aufgeht, dann haben wir sicher Freude mit ihm.“
Dass ein Athlet für eine Überraschung sorgen kann, der zuvor nie ganz vorne im Weltcup gelandet ist, hatte vor 20 Jahren Florian Eckert gezeigt. Der Bad Tölzer war damals im letzten Rennen vor der WM in Garmisch-Partenkirchen 18. geworden – wie Jocher. In St. Anton gewann Eckert dann Bronze.