Cortina d’Ampezzo – Das Zimmer war nur bis Samstag gebucht, aber Reisepläne ändern sich eben. Kira Weidle, 24, wollte einfach nicht so schnell weg aus Cortina d’Ampezzo, jenem Ort, in dem sie den bislang größten Erfolg ihrer Karriere errang. „Eine Medaille“, sagte sie, „gehört gefeiert.“ Die aus Silber für den zweiten Platz bei der Abfahrt am Samstag hatte sie sich ein paar Minuten zuvor umhängen dürfen – aus Hygiene-Gründen übernehmen das die Athleten bei der Ski-WM selbst – und da war die Entscheidung bereits gefallen, noch eine Nacht in den Dolomiten dranzuhängen. Eine geeignete Party-Location war auch schnell gefunden: der Skiraum im Mannschaftshotel. „Da stören wir keinen.“
So engagiert und strukturiert Kira Weidle nach der Pflicht die Kür in Angriff nahm, hatte sie zuvor ihr Ziel verfolgt, bei den Titelkämpfen auf dem Podest zu stehen und nicht wie oft in diesem Winter knapp daneben. Seit Saisonbeginn war der Tag der WM-Abfahrt in ihrem Kopf. Die Starnbergerin sprach ganz offen darüber, eine Medaille gewinnen zu wollen.
Es war kein utopisches Ziel, aber Weidle gehörte eben auch nicht zum Kreis der Favoritinnen. Die einzigen beiden Podestplätze ihrer Karriere liegen zwei Jahre zurück. Nach einer schwierigen vergangenen Saison hatte sie sich in diesem Winter wieder an die Weltspitze herangekämpft, aber es fehlte stets eine Kleinigkeit, um ganz vorne zu landen. Kira Weidle ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Für die Abfahrt bin ich guter Dinge“, versicherte sie nach dem 19. Platz im Super-G zum WM-Auftakt.
Die Fokussierung auf Medaillen ist Teil des Leistungssports, auf der anderen Seite kann dabei manchmal die Leichtigkeit verloren gehen. Die richtige Mischung „ist der Schlüssel, damit es funktioniert“, weiß Weidle. Ein wenig Sorge schien sie dann doch zu haben, dass sie aus der Balance geraten sein könnte. Jedenfalls schärfte sie den Betreuern auf dem Weg zum Berg am Samstagmorgen ein: „Wenn ihr irgendjemanden erwischt, der übermotiviert ist, dann haut gleich mal drauf.“ Es war nicht notwendig, sie hatte „die nötige Gelassenheit“, wie sie sagt. Im Ziel lag sie zwei Zehntelsekunden hinter der neuen Weltmeisterin Corinne Suter aus der Schweiz. Dritte wurde deren Teamkollegin Lara Gut-Behrami. „Es ist eine Belohnung für die harte Arbeit der letzten Jahre“, sagte Weidle, „auch für das ganze Team.“
Das Trainerteam ist gemeint, und das hat sie in diesem Winter fast für sich alleine, denn die anderen Abfahrerinnen sind verletzt oder nach Verletzungen noch nicht wieder fit. Obendrein fehlte ihr die zurückgetretene Viktoria Rebensburg (31, Kreuth) als Maßstab. In Trainingskooperationen mit den Amerikanerinnen oder der zweimaligen Abfahrts-Weltmeisterin Ilka Stuhec aus Slowenien wurde versucht, dies zu kompensieren. Aber so alleine als Athletin im Winter unterwegs zu sein, ist nicht einfach, gibt sie zu. „Es fehlt mir schon, dass ich niemanden zum Ratschen habe.“ Immerhin sei eine Physiotherapeutin dabei, „das ist ganz angenehm in dem ganzen Männerhaufen“.
Nach Rebensburgs Rücktritt galt Weidle als große Hoffnung bei den Frauen, die einzige überhaupt. So eine Bürde kann schnell zu schwer werden, aber Weidle scheint damit gut zurechtzukommen. „Ich lasse mich nicht drängen“, sagte sie vor ein paar Wochen. Der Erfolg, war sich Weidle sicher, stelle sich dann schon ein. Ziemlich schnell war dies der Fall. Und genau im richtigen Moment. es