Rettet den Fußball! Rettet seine Sprache!

von Redaktion

Fußball ist derzeit auch ein Hörspiel. Befehle hallen durch die leeren Stadien, und manche, die das verfolgen, sind enttäuscht, weil Bundesliga-Profis auch nicht anders kommunizieren als Kreisliga-Kicker: „Hintermann!“ – „Zweiter Ball!“ – „Mauer!“ Schon zur gehobenen Begrifflichkeit gehört ein Satz wie „Jemand an den langen Pfosten“. Jedenfalls: Scheint so, als bevorzugen die, die auf dem Platz stehen, eine klare und unmissverständliche Sprache.

Und da muss man schon fragen: Passt die Sprache, die der Fußball seit ein paar Jahren dabei ist, sich anzueignen, immer dazu? Im Internet ging eine Pressekonferenz mit dem jungen Nürnberger Trainer Robert Klauß um. Er stammt aus Leipzig, er hat bei Ralf Rangnick und Julian Nagelsmann (okay, auch bei Achim Beierlorzer) gelernt, manche wollen den 36-Jährigen als das neue Trainer-Superhirn feiern. Nur: Mit dem Club ist er in der 2. Liga nur 14. und der Fußball, den die Mannschaft spielt, nicht der versprochene. Nun hat nach einer weiteren Niederlage Klauß auf etwas spitze Nachfrage eines örtlichen Journalisten seinen „Matchplan“ erläutert, über den er auch sagt: „Ich habe ihn erkannt“, was normal sein sollte, denn er hat ihn schließlich verfasst. Er erzählt von „Pressinglinie 1“, vom „breitziehenden linken Zehner“ und vom „asymmetrischen Linksverteidiger“. Er sagt Sätze wie „Nach Ballgewinn über den ballfernen Zehner wollten wir umschalten“, und man fragt sich, ob ein Spieler doch nicht eher dem Ball nahe sein sollte, wenn er ihn gewinnen will.

Klar: Fußball entwickelt sich, er hat dazugewonnen in puncto Schnelligkeit und Athletik, das macht ihn attraktiv, spülte Geld in die Kassen, das – sinnvoll – in strukturelle Verbesserungen gesteckt wurde. Jedes Team leistet sich Analysten, versucht, das Spiel zu entschlüsseln. Doch es scheint, als seien diese Abteilungen in einer Art Fieberwahn, ihre Existenz zu rechtfertigen. Fußball ist immer noch trivial und – auch dazu gibt es Untersuchungen – in hohem Maß vom Faktor Zufall abhängig, wird aber sprachlich überhöht, als ginge es um Wissenschaft. Der Strafraum wird zur „Box“ (warum eigentlich?), Spieler werden zu Funktionsnummern, die man hin- und herschiebt, als wären sie Schachfiguren, die keine Tagesform kennen. Die sogenannten Nerds finden das super, steigen darauf ein, auch auf dem Sofa eröffnet das die Beteiligung am Spiel.

Man kann es jedoch auch so sehen, dass dieses Überkandidelte dem Fußball nicht guttut. Und man kann den Verdacht haben, dass einige, die so sprechen, nur an der eigenen Überhöhung arbeiten.

Manchmal wehrt sich der Fußball auch gegen diesen Trend. Wer Hansi Flicks Erfolg ergründen will, wird herausfinden, dass sein wichtigster Punkt Empathie ist, sein Umgang mit Menschen. Er versteht unfassbar viel von Fußball, würde das allerdings nie in ein kunstsprachliches Gedöns verpacken wie manche seiner Kollegen. Bester Satz in Klauß’ Matchplan-Statement war übrigens: „Die Frage ist: Wie haben wir es umgesetzt?“ Nicht. Die Wahrheit. GÜNTER KLEIN

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