Geisterstimmung statt Freudenfest?

von Redaktion

Corona-WM in Oberstdorf – DSV-Präsident Steinle: „Wir müssen das Beste aus Situation machen“

Oberstdorf – „Papplikum“ statt Publikum, Geisterstimmung statt Freudenfest, Corona-Sorgen statt unbeschwerter Wettkämpfe: Die Nordische Ski-WM in Oberstdorf sollte ein Wintermärchen sondergleichen und das größte Schneesportereignis der jüngeren Geschichte in Deutschland werden, doch die große Euphorie ist längst verflogen. Für die Organisatoren geht es nun vornehmlich darum, würdige Titelkämpfe ohne Chaostage über die Bühne zu bringen.

„Wir müssen das Beste aus der Situation machen. Die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass der Skisport faszinierende Wettkämpfe auch ohne Zuschauer liefern kann“, sagt Franz Steinle, Präsident des Deutschen Skiverbandes und Oberstdorfs oberster OK-Herr. Es werde „ganz sicher auch keine blutleere Geister-WM“.

Biathleten wie Alpine haben in der vergangenen Woche ihre Weltmeisterschaften ohne Zuschauer, aber auch ohne große Zwischenfälle abgeschlossen, die Dimensionen in Oberstdorf sind aber andere: Rund 800 Athleten sind in 24 Wettbewerben am Start, deutlich mehr als bei der Biathlon-WM in Pokljuka (330/12) und der Alpin-WM in Cortina (600/13).

Auch ohne die ursprünglich einkalkulierten 400 000 Zuschauer und mit reduziertem Personal blieb beträchtlicher Reiseverkehr: Rund 5000 Menschen – Sportler, Betreuer, Offizielle und Medienschaffende – aus 60 Nationen zogen ins Allgäu. Inmitten der Pandemie und in Zeiten von Grenzschließungen mehrten sich zuletzt Stimmen, welche die Austragung der WM für verantwortungslos halten.

Hoteliers befürchten, dass eine solche Veranstaltung die Infektionszahlen in die Höhe treiben könnte, in einem Hotspot Oberstdorf dann die touristische (Früh-)Sommersaison gefährdet sei. Doch Forderungen an die Politik nach einer Absage der WM, deren Schirmherr Ministerpräsident Markus Söder ist, blieben folgenlos. Und Sicherheits-Bedenken wischen die Veranstalter beiseite.

„Wir sorgen mit unseren strengen Regeln dafür, dass von dieser WM kein erhöhtes Risiko ausgeht“, sagte WM-Geschäftsführer Moritz Beckers-Schwarz der „Allgäuer Zeitung“. Möglichst soll jedes Team ein eigenes Hotel oder zumindest eine eigene Etage erhalten, die Nationen sollen untereinander keinen Kontakt haben. Zudem soll ein dichtes Testnetz Coronafälle schnell identifizieren.

Nötige Maßnahmen, die aber einem unbeschwerten Erlebnis wie bei den beiden bisherigen Oberstdorfer WM-Auflagen entgegenstehen. Kombinierer-Bundestrainer Hermann Weinbuch war schon 1987 dabei und wurde Weltmeister. „2005 war aber die schönste WM, die ich erlebt habe“, sagt der 60-Jährige, damals wie heute Bundestrainer: „Das war so ein Fest.“

Eines, das so nachwirkte, dass Oberstdorf – trotz eines kapitalen finanziellen Verlustes – dies schnellstmöglich zu wiederholen suchte. Nach vergeblichen Anläufen für 2013, 2015, 2017 und 2019 erhielt das Allgäu 2016 in Cancun endlich den Zuschlag, seitdem wurde daran gebastelt, die Festspiele von 2005 zu überbieten.

40 Millionen Euro wurden investiert, um die Sportstätten auf neuesten Stand zu bringen, den Großteil übernahmen Bund und Land. Der finanzielle Schaden für die Veranstalter hält sich trotz der ausbleibenden Ticketeinnahmen – bis Januar war noch mit reduzierten Zuschauerzahlen geplant worden, stattdessen wurden Papp-Fotobüsten in den Stadien montiert – in Grenzen: Das Oberstdorfer OK war gut versichert.  sid

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