München – Karl-Heinz Riedle hat sich einst als kopfballstarker Torjäger einen Namen gemacht. Mit Borussia Dortmund gewann der heute 55-jährige Allgäuer zwei Meistertitel; zum Gewinn der Champions League 1997 trug er entscheidend bei, indem er beim 3:1-Finalsieg in München gegen Juventus Turin zwei Tore für den BVB erzielte. Als Nationalspieler (feierte er seinen größten Erfolg mit dem WM-Titel 1990. Riedle gehörte auch zu den damals zahlreichen deutschen Legionären, die in Italiens Serie A wechselten. Von 1990 bis 1993 spielte er für Lazio Rom, den Achtelfinal-Gegner des FC Bayern kennt er somit bestens.
Karl-Heinz Riedle, als Sie 1990 für 13 Millionen Mark vom SV Werder Bremen zu heutigen Bayern-Gegner Lazio Rom wechselten, war das die höchste Ablösesumme, die bis dato für einen deutschen Spieler bezahlt worden war. Ein schwere Bürde, die auf Ihren Schultern lastete?
Nicht wirklich. Nachdem ich bei Lazio gleich super eingeschlagen hatte, ist das nur in den ersten drei, vier Wochen ein Thema gewesen. Drei Jahre später bei meinem Wechsel von Lazio zu Dortmund war das ein bisschen anders. In Dortmund wurde jeden Tag die Ablösesumme auf dem Tablett serviert. Ich hatte anfangs viele Verletzungen, der Start gestaltet sich in Dortmund schwieriger.
Italien war Anfang der 90er Jahre das Traumziel für einen jeden Fußballprofi.
Die Serie A galt damals als beste Liga der Welt. Die Premier League war noch da noch nicht so weit. Italien und Spanien waren das Maß der Dinge. Als das Angebot von Lazio kam, musste ich daher nicht lange überlegen. Ein Jahr vorher gab es schon mal loses Interesse seitens des AC Mailand – weil Ruud Gullit verletzt war. Aber dann hat sich die Sache zerschlagen.
Anders als der AC Mailand war Lazio Rom damals nicht die erste Adresse im italienischen Fußballs – und ist es auch heute nicht.
Das stimmt. Der Verein hatte zwei Jahre vor meinem Wechsel noch in der zweiten Liga gespielt. Aber die Lazio-Verantwortlichen hatten Großes vor. Ich fand einen super Klub vor. Auch das Drumherum war toll. Ich konnte bei Lazio gegen die besten Spieler der Welt antreten: Maradona, Gullit und wie sie alle hießen. Was die Situation heute betrifft: Die Vereinsführung von Lazio macht das mit einem vergleichsweise kleinen Budget echt klasse – und das schon seit acht oder neun Jahren. Auch in dieser Saison ist man wieder sehr nah an den Champions League-Plätzen dran. Es fehlen zwei Punkte auf Platz vier. Angesichts der begrenzten finanziellen Mitteln ist das schon sehr erstaunlich.
Einer Ihrer Teamkollegen damals bei Lazio war der legendäre Paul Gascoigne…
Ein wahnsinnig netter und hilfsbereiter Mensch, an den ich mich sehr gerne zurück erinnere. Er hat jede Menge verrückte Sachen gemacht – auf dem Platz, aber auch abseits davon. Letzteres kam in Italien nicht immer perfekt an. Mit ein Grund dafür, warum sich Paul anfangs dort schwer getan hat.
Wie klappte bei Ihnen die Umstellung?
Die ist mir recht leicht gefallen – auch was die Sprache angeht. Ich hatte schon vorher Italienischunterricht genommen und auch danach Vokabeln gelernt, wenn ich mit der Mannschaft unterwegs war. Und fußballerisch ist der Unterschied zur Bundesliga nicht so groß gewesen. Das war in Italien vielleicht alles ein bisschen taktischer, defensiver, und die Verteidiger waren noch besser. Damals haben die besten Verteidiger der Welt fast alle in der Serie A gespielt. Es war unglaublich schwer, Tore zu schießen. Viel größer war aber die Umstellung bei meinem späteren Wechsel von Dortmund zum FC Liverpool – weil das Spiel in England einfach viel, viel schneller war.
Ihr damaliger Trainer bei Lazio war Dino Zoff, die italienische Torwart-Ikone.
Eine wahnsinnig tolle Persönlichkeit und ein absolut ruhiger Zeitgenosse. Ich kann mich an keine Situation in meinen drei Jahren bei Lazio erinnern, in der er geschrien hat. Insgesamt hatte ich in meiner Karriere großes Glück mit den Trainern: egal ob Otto Rehhagel bei Werder Bremen, Dino Zoff oder auch Ottmar Hitzfeld in Dortmund – alles Menschen mit einem wirklich tollen Charakter.
Lazlio war Ihre erste Auslandsstation – inwiefern hat Sie das Ihre spätere Karriere geprägt?
Du entwickelst dich im Ausland in deiner Persönlichkeit weiter. Und du reifst zu einem anderen Spieler, wenn du dich in der stärksten Liga der Welt durchgesetzt hast. Das gibt Selbstbewusstsein und hilft dir später in vielen Situationen weiter.
Sie waren einer der Garanten für den Aufschwung bei Lazio. In ihrem letzten Jahr beendete der Klub die Saison auf Platz vier. Dann drängte der damalige Nationaltrainer Berti Vogts auf eine Rückkehr in die Bundesliga. Auch andere Spieler wie Stefan Reuter, Matthias Sammer oder Andi Möller kehrten aus Italien nach Deutschland zurück.
Berti wollte seine Spieler in der Bundesliga sehen. Damals sind die Nationaltrainer nicht so gerne umhergereist, um ihre Spieler zu beobachten. Bei mir kam dazu, dass es im dritten Jahr bei Lazio mehr und mehr Differenzen gab. Wegen der Ausländerregelung musste einer von uns Legionären immer auf der Bank sitzen. Das hat Reibereien gegeben. Und dann machte auch noch Berti wegen der WM 1994 Druck. Es gab ein Gespräch, in dem er mir sagte, dass es gut für meine Chancen als Stammspieler wäre, wenn er mich jede Woche spielen sehen kann. Als das Angebot von Dortmund kam, war die Sache für mich schnell entschieden.
In den 90er Jahren galt die Serie A als weltbeste Liga. Später steckte der italienische Vereinsfußball in der Krise und verlor international an Bedeutung.
Das stimmt. Aber die Situation hat sich wieder gebessert. Die Serie A zählt wieder zu den Top-Ligen in Europa und genießt auch wieder mehr Aufmerksamkeit.
Im Duell gegen Bayern wird bei Lazio viel von Torjäger Ciro Immobile abhängen. Beim BVB hat Immobilie enttäuscht, bei Lazio schoss er in der vergangenen Saison sagenhafte 36 Tore in der Serie A. Haben Sie eine Erklärung für die Wandlung?
Wahrscheinlich ist Ciro zum falschen Zeitpunkt zum BVB gekommen. Es gab im letzte Jahr unter Jürgen Klopp Unruhe. Ciro hat vorher und nachher gezeigt, dass er ein absoluter Top-Stürmer ist. Er ist einer Vollblutstürmer klassischer Prägung der immer weiß, wo das Tor steht – vergleichbar mit einem Ulf Kirsten.
Der FC Bayern hat in den letzten Wochen seine Leichtigkeit verloren und schwächelt…
Die Mannschaft hat sechs Titel gewonnen. Sie spielt permanent am Limit und hat viele Verletzte. Da kannst du nicht immer brillanten Fußball zeigen. Insgesamt ist das aber einfach Weltklasse, was die Mannschaft zeigt.
Und was trauen Sie Lazio gegen diese Weltklasse-Bayern zu?
Lazio hat schon beim 3:1-Sieg gegen Dortmund in der Gruppenphase gezeigt, dass das Team immer in der Lage ist, ein Top-Spiel zu machen. Es ist eine abgezockte Mannschaft, kompakt mit viel Erfahrung. Aber gegen Bayern braucht man halt einen super Tag, um sie zu schlagen. Bekanntlich ist im Fußball alles möglich.
Interview: Roland Wiedemann