Es wird allmählich ernst, wir nähern uns einem Konfliktfall von historischem Ausmaß. Robert Lewandowski ist drauf und dran, den fast 50 Jahre alten Torrekord von Gerd Müller auszulöschen. Das Hochrechnen ist nun mehr als die übliche spaßige Folklore, wenn einer aus Versehen in den ersten drei Spielen fünfmal getroffen hat. Die 40 locken, Lewandowski steht zu einem Zeitpunkt der Saison, als Müller 25 hatte, bei 31. Doch soll er den Bomber überhaupt überbieten dürfen? Wäre das nicht – nun ja: ein Frevel? Den der FC Bayern gar nicht zulassen sollte, wo er doch immer betont, er wäre nichts ohne den Müller Gerd, den „Bomber“?
Vielleicht ist es einfach eine Generationenfrage. Für all jene, die – wie der Autor dieses Kommentars – mit dem Bild von Gerd Müller als der Verkörperung des Knipsers groß geworden sind, wäre es nicht verkraftbar, wenn Robert Lewandowski 44 Tore schösse. Es würde sich anfühlen, als erklärte man uns die Jugendzeit für ungültig. Wir brauchen Wahrheiten, die immer gelten.
Dazu kommt: Das Thema Gerd Müller ist emotional besetzt. Natürlich steht einem jemand, der den von der Mutter zubereiteten und hingestellten Kartoffelsalat verputzte, näher als ein von seiner ernährungsberatenden Frau hinmodellierter Athlet, der aus Verdauungsabfolgegründen das Dessert vor dem Hauptgericht verzehren muss. Der Gerd hat auch nicht so sehr auf Markenpflege geachtet, er ist nach Toren einfach vor Freude hochgesprungen – ein choreografierter Jubel wäre ihm nie in den Sinn gekommen.
Andererseits: Es gibt ja auch eine neue Generation von Fans. Und warum soll nicht Lewandowski ihr Müller werden? Ihr Allzeit-Größter, den sie in 50 Jahren gegen einen Supermaschinenmonstertorjäger verteidigen werden, dessen Eltern heute noch gar nicht geboren sind?
Einvernehmlichste Lösung übrigens: Lewandowski belässt es bei genau 40 Toren. Das letzte erzielt er Müller-like aus der Drehung oder im Sitzen. Und anschließend bereitet Anna ihm einen Kartoffelsalat zu. Er isst ihn vor der Nachspeise.
Guenter.Klein@ovb.net