Es war kurz vor der WM 2014, als Olaf Thon voraussagte, Joachim Löw werde als Bundestrainer nach dem Turnier in Brasilien zurücktreten – so oder so. Als Weltmeister – denn was könnte danach noch kommen? Oder eben als abermals Gescheiterter – denn dann müsse der Verband etwas Neues probieren. Löw wurde Weltmeister und blieb im Amt – schöner ist eine todsichere Prognose nie ad absurdum geführt worden.
Sieben Jahre später holt Joachim Löw den Rücktritt nach. Es ist der Versuch, ihn so zu gestalten, wie er 2014 auf dem Höhepunkt seines Schaffens hätte sein sollen. Gehalten in einem Ton, in dem Dissonanzen, die es spätestens seit dem 0:6-Debakel in Spanien im November 2020 gab, nicht hörbar werden. Der Blick zurück soll von Dankbarkeit und Stolz geprägt sein. Und das Bild, das man mit ihm verbindet, soll das des lässigen Bundestrainers sein, der in der Nationalmannschaft eine neue Art des Fußballs implementiert hat. Sowie das des freundlichen Mannes, der in Rio Historisches vollbrachte: erster europäischer Weltmeister in Südamerika.
Durch die Pressemeldung, mit der der DFB gestern Vormittag das Land überraschte, weht die Nostalgie. Das ist die Grundstimmung, die Löw schon in den Tagen davor erfasste, als er sich daran machte, seine – wie man nun ja weiß – Fehlentscheidung des ultimativen Ausschlusses von Thomas Müller sowie Jerome Boateng und Mats Hummels im Februar 2019 zu korrigieren. Zur Europameisterschaft wird er einen stärkeren Kader aufbieten als den, der die Nations League bestritt – das darf als sicher gelten.
Die nächsten Tage wird natürlich spekuliert werden, ob Löw für sein freiwilliges Ausscheiden eineinhalb Jahre vor Vertragsende eine Abfindung bekommt oder ob und von wem er unter Druck gesetzt wurde, sich aus offiziell freien Stücken nach der EM 2021 zu verabschieden. Doch unabhängig davon hat er eine smarte Entscheidung getroffen, die helfen kann, eine gute EURO zu spielen. Er wird nicht der Sündenbock für irgendwas sein, in der Pflicht stehen die jungen Spieler, die zeigen wollen, dass sie zurecht dazugehören, und die Rückkehrer, die sich Beweislast auferlegt haben. Und vielleicht machen auch die kritisch und Löws überdrüssig gewordenen Fußball-Fans noch ihren Frieden mit dem Trainer, dessen Bilanz sich ja doch sehen lassen kann und dessen Art angenehm war.
Guenter.Klein@ovb.net