Das vergessene Wunderkind

von Redaktion

NBA Zion Williamson (20) spielte eine starke zweite Saison, stellt Rekorde auf – trotzdem wird weniger über ihn gesprochen

München – Vor einer Woche gehörte er erstmals offiziell zur Elite der NBA. Beim All-Star Game lief Zion Williamson als Starter auf, steuerte zehn Punkte und einige spektakuläre Dunks bei. Die Auszeichnung als „All-Star“ ist der nächste Meilenstein in einer noch jungen Karriere. Eine Karriere, die seit der High-School von der größtmöglichen medialen Aufmerksamkeit geprägt ist.

Die sportlichen Gene liegen in der Familie von Williamson, die Mutter war Sportstipendiatin für Leichtathletik, der Vater spielte Football bei der North Carolina State University. In der achten Klasse war Williamson 1,75 m groß, im folgenden Sommer kamen 20 Zentimeter hinzu: „Der Wachstumsschub war verrückt für mich. Ich habe noch ein bisschen Gewicht und eine verrückte, gottgegebene Athletik dazugewonnen. Ich wurde immer selbstbewusster, wodurch ich mich traute, Dunks auszuprobieren, die ich noch nie vorher probiert hatte – im Spiel“, sagte Williamson damals.

Schon zu High-School-Zeiten explodierten die Zusammenstellungen der besten Szenen des jungen Athleten im Netz. Bereits mit 18 folgten Williamson 2,6 Millionen Menschen auf Instagram. Im College spielte er dann für die Duke Blue Devils unter dem legendären „Coach K“ Mike Krzyzewksi. Mit einer Größe von 2,01 m und 129 Kilogramm auf den Rippen wirkte Williamson wie der einzige Mann zwischen der Schar von Basketball-Talenten. „Williamson liest perfekt die Flugbahn der Würfe, ist vor allen anderen bei der Stelle, wo der Ball landet, und nutzt erst seine elitäre Sprungkraft, um sich dann über Normalsterbliche zu erheben und den Ball einzusammeln“, beschrieb der amerikanische Experte Kevin O´Conner einst die Fähigkeiten von Williamson.

Der Hype kannte keine Grenzen. Zion, benannt nach dem biblischen Berg, galt als größtes Talent seit LeBron James. „Mir gefällt alles an ihm“, sagte James über seinen möglichen Thronerben. Während eines College-Spiels riss der Nike-Schuh von Williamson, der Aktienkurs des Unternehmens brach anschließend um zwei Prozent ein. Der Ausrüstervertrag mit Nike soll Williamson über sieben Jahre 75 Millionen Dollar einbringen. Der höchstdotierte Schuh-Deal seit – natürlich – James, der 2003 einen Vertrag über 90 Millionen abschloss. „Er ist ein essenzieller Part des neuen Talents, das uns helfen wird, die Marke in die Zukunft zu führen. Er sagte uns, dass er die Welt schocken wird und sagte, wir sollen ihm glauben. Das tun wir“, sagte Michael Jordan.

Die NBA schockte Williamson aber in seiner ersten Saison für die New Orleans Pelicans zunächst nicht. Die große Stärke, die unfassbare Physis, ist auch gleichzeitig das größte Problem. Schon während der College-Zeit fiel Williamson mit Knieverletzungen aus. Die erste Saisonhälfte verpasste Williamson letztes Jahr dann aufgrund eines Meniskusrisses. Bei seinem Debüt in der besten Basketball-Liga der Welt erzielte der Power Forward zwar gleich 22 Punkte, erhielt in der Folge aber nur dosiert Einsatzzeit, um den wuchtigen Körper langsam an das physische Level der NBA zu gewöhnen.

In seiner zweiten Saison wirkt Williamson nun agiler, ist in der Offensive variabler. Es muss nicht immer nur der krachende Dunk sein. In seinen ersten 50 NBA-Spielen gelangen Williamson 34 Partien, in denen er mindestens 20 Punkte erzielte und eine Trefferquote von über 50 Prozent vorweisen konnte. Damit hat Williamson den Rekord von Center-Legende Shaquille O´Neal eingestellt, dahinter folgt ein gewisser Michael Jordan (29 Spiele).

Und obwohl der immer noch erst 20-Jährige (!) sehr gute Durchschnittswerte (23,5 Punkte, 7,1 Rebounds und 3,3 Vorlagen pro Partie) abliefert, ist er längst nicht mehr das Gesprächsthema Nummer eins. Es ist fast so, als hätte die NBA ihr Wunderkind ein wenig vergessen. Das hat zwei Gründe: Zunächst entsteht in der Glamourwelt NBA recht schnell ein Hype um aufstrebende Talente. Aktuell wird der Rookie LaMelo Ball abgefeiert, der für die Charlotte Hornets – Franchise von Michael Jordan – auftrumpft.

Aber der wesentliche Punkt: Williamson spielt gut, aber noch nicht überragend. Ihm fehlt noch die „breakout performance“, wie die Amerikaner es nennen. Ein Spiel, in dem alle Zweifel beseitigt werden. Williamson steht in der aktuellen Saison gut 32 Minuten pro Partie auf dem Parkett. Zum Vergleich: bei James waren es in seiner zweiten Saison 42 Minuten. Viele Experten bezweifeln, ob die Statur mit 129 Kilo auf – für NBA-Verhältnisse – nur 2,01 m verteilt für eine lange Karriere in einer athletisch höchst anspruchsvollen Liga geeignet ist. „Wenn er nicht in Form kommt, werden wir vielleicht nie sein volles Potenzial erfahren“, sagte NBA-Legende Karl Malone im Podcast „Knuckleheads“. Malone fordert, dass Williamson 40 Minuten pro Partie abspulen muss: „Schau her, du bist ein 21-, 22-jähriges Kind. Dein Hintern sollte nicht müde werden.“

Für Williamson selbst ist es ein Balanceakt: „Ich will keinen Punkt erreichen, an dem ich viel Gewicht verloren habe, aber mich nicht mehr stark fühle.“ Aber: mit 20 Jahren hat der Ausnahmesportler immer noch genug Zeit, um die Basketball-Welt zu schocken. So hatte er es nämlich im Alter von 15 Jahren auf seinem Twitter-Account schon angekündigt. NICO-MARIUS SCHMITZ

Williamson hat 129 Kilo auf den Rippen

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