EM mit Zuschauer-Garantie

Die Anmaßung des Herrn Ceferin

von Redaktion

GÜNTER KLEIN

Sepp Blatter war immer ganz scharf auf den Friedensnobelpreis für die FIFA (und für sich). Das IOC ist auch gerne in politischer Mission unterwegs und spielte 2018 – allerdings nur im Frauen-Eishockey, weit abseits der Medaillenränge – die Wiedervereinigung zwischen Süd- und Nordkorea durch. Und überhaupt brüstet sich die Olympische Bewegung damit, sie könne weltweit Waffen zum Schweigen bringen und autokratischen Staaten Demokratisierungsprozesse aufzwingen. Die UEFA ist ein weiterer großer Player unter den internationalen Sportveranstaltern – sie muss auch was bieten. Bitteschön: Noch rigider als das IOC, das Impfstoff aus China besorgt, beendet der Europäische Fußball-Dachverband unter Leitung des slowenischen Rechtsanwalts Aleksander Ceferin die Corona-Pandemie. In drei Monaten ist die ohnehin um ein Jahr verschobene Europameisterschaft – da haben seiner Forderung nach die Stadien ansprechend gefüllt zu sein mit Zuschauern. Die EM 2021 soll so sein, wie sie 2020 ohne Virus aus China gewesen wäre. Und die Stadt, so der Herr Ceferin, die nicht garantieren könne, dass sie Menschen in die Stadien lasse, werde von der UEFA eben fallen gelassen.

Natürlich muss der Fußball sich Gedanken machen, ob es Wege gibt, sich seinem früheren Status auch in Zeiten anzunähern, in denen die Seuche noch grassiert. Testen, Impfen, technische Hilfsmittel wie Apps – das Instrumentarium ist bekannt. Doch ebenso sollte die UEFA sich mit seriösen Prognosen befassen – und es gibt ja mathematische Modelle dazu –, ab wann Maßnahmen greifen. Angesichts schleppender Impfstoffproduktion und -lieferung ist eben nicht davon auszugehen, dass wir im Juni heiles Europa werden spielen können. Einem verantwortungsvollen Ausrichter bleibt da nur eine Entscheidung übrig: dann eben ohne mich. Ohne München zum Beispiel. In Fröttmaning hat seit einem Jahr kein Spiel mehr mit Zuschauern stattgefunden, es mag schmerzhaft sein, ist aber richtig – und dann soll man sich, um der UEFA und Ceferin zu gefallen, über Infektionsschutzgesetze hinwegsetzen?

Unpolitisch, wie es manche fordern, kann der Sport nicht sein, selbstverständlich soll er seinen Beitrag leisten etwa zu einer besseren Welt ohne Diskriminierung, Da könnte er mehr bewirken, duckt sich aber vor konkreter Intervention zu oft weg. Lieber die großen Ansagen treffen – es ist einfach nur anmaßend.

Guenter.Klein@merkur.de

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