„Es gibt mindestens 6500 Gründe dafür“, twitterte Sportkommentator Frank Buschmann vergangene Woche über einen möglichen Boykott der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar. Buschmann spielte damit auf die schreckliche Zahl von 6500 Gastarbeitern an, die seit der WM-Vergabe an den Golfstaat im Jahr 2010 gestorben sind. Tausende von Arbeitsmigranten werden in dem Emirat ausgebeutet, missbraucht, so berichtet es Amnesty International. Menschenrechtsverletzungen stehen in Katar ohnehin an der Tagesordnung: Homosexualität wird etwa immer noch als Verbrechen geächtet. Im Jahr 2021. Es gibt also tatsächlich genügend Gründe dafür, die Winter-WM in heruntergekühlten Stadien heftig zu kritisieren. Doch gibt es auch Gründe, die für eine Austragung sprechen?
Ausgerechnet Amnesty International hatte zuletzt davon abgeraten das Turnier zu boykottieren. Katar habe sich in den vergangenen Jahren gesprächsbereit gezeigt und Reformen angestoßen, sagte Regina Spöttl, Katar-Expertin der Menschenrechtsorganisation: „Es gibt Fortschritte, und mit einem Boykott würden diese um Jahre zurückgeworfen werden.“ Bei Amnesty International setzt man auf ständigen Dialog und vermeidet die totale Ablehnung. Auch Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandsvorsitzender des FC Bayern, sprach hierbei von einem „Wandel durch Annäherung.“ Die Taktik ist sinnvoll: Sollte die FIFA Katar die WM wieder entziehen, wäre es zwar ein spektakulärer Paukenschlag, würde die Situation vor Ort aber auch nicht verbessern. Eher müsste man eine Trotzreaktion des Wüstenstaats befürchten, entstandene Kontakte würden sich wieder auflösen, angestoßene Reformen möglicherweise ad acta gelegt.
Eines ist jedoch klar: Die mediale Aufmerksamkeit des wichtigsten Ereignisses im Fußball-Kalender muss dafür genutzt werden, um unwürdige Zustände in Katar weiter schonungslos zu beleuchten. Amnesty forderte jüngst von der FIFA, der Verband müsse seinen Einfluss auf Katar stärker geltend machen. Spöttl forderte von Funktionären, Fußballern und Verbänden, „ihren Gesprächspartnern und persönlichen Kontakten in Katar die Probleme näherzubringen.“
Sicher: Es stellt sich die Frage, ob das erzkonservative System der arabischen Länder überhaupt für ernsthafte Veränderungen bereit ist. Groß ist zweifelsohne auch die Gefahr, dass die WM zur globalen Augenwischerei missbraucht wird. Mit diplomatischer Annäherung ist es somit keineswegs getan. Zugleich sieht sich die FIFA in der moralischen Pflicht, auf die Respektierung der Menschenrechte, auf die Verbesserung der sozialen Lage in Katar nachdrücklich zu pochen. Der Grat, auf dem man hier wandelt, ist extrem schmal.
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