Düsseldorf – Bereits bei seiner Team-Ansprache am Montag beeindruckte Bundestrainer Joachim Löw Spieler- und Betreuerstab mit dem Feuer, das nach seiner Rücktritts-Ankündigung weiter in ihm lodert. Löw ist davon überzeugt, dass dieses Feuer im Sommer bei der anstehenden Europameisterschaft zur „Titel-Explosion“ führen kann. Doch dafür hat er eine klare Marschroute festgelegt: Schluss mit lustig!
Vor der heutigen WM-Qualifikationspartie gegen Island (20.45 Uhr, RTL) sagte Löw im Rückblick auf das vergangene DFB-Jahr: „Wir sind sehr schlecht aus dem Jahr 2020 gegangen, mit Wut und Enttäuschung“. Zudem kündigte er an, dass er die Nationalmannschaft „rigoros, konsequent und gnadenlos“ auf Erfolgskurs bringen wolle. Löw will sich bei der EM nicht mit einem Halbfinal-Einzug zufriedengeben, er strebt den Turniersieg an – und macht auch keinen Hehl daraus: „Wir wollen das Maximum erreichen. In der Gruppe wird es sicher ein Kampf auf Biegen und Brechen. In der K.o.-Runde kann man nicht alles berechnen. Vorrunde überstehen und dann jedes Spiel punktuell angehen, nicht an das nächste denken. Sonst killt dich das.“
Damit Jogi und seine Jungs nicht vorzeitig beim Turnier gekillt werden, nimmt Löw keine Rücksicht mehr auf verdiente Spieler, Lieblingspositionen oder hoffnungsvolle Talente. Er kündigt an: „Wir wollen überzeugen, nicht nur fußballerisch. Wir müssen zeigen, dass wir eine leidenschaftliche Mannschaft sind, die verbissen ist, Fortschritte zu machen.“ Darum spielt Löw ernsthaft mit dem Gedanken, Mittelfeldchef Joshua Kimmich wieder auf der Rechtsverteidiger-Position einzusetzen, um somit im Zentrum Platz für die ebenfalls formstarken Toni Kroos, Ilkay Gündogan und Leon Goretzka zu schaffen. Löw: „Ich denke darüber nach, lasse alles in meine Überlegungen einfließen. Joshua macht auf beiden Positionen einen guten Job. Er schlägt gute Flanken, ist aber auch im Mittelfeld extrem wichtig.“
Was der Bundestrainer bereits beschlossen hat: Er möchte ausdrücklich keine klassische Doppel-Sechs aufstellen: „Die drei Spieler im Mittelfeld müssen variabel agieren. Wenn zwei auf gleicher Höhe stehen, bringt mir das nichts. Goretzka hat einen Hang zur Offensive, er läuft durch. Das erwarte ich von ihm. Unabhängig davon, mit wem er zusammenspielt.“
Gelegenheiten für Goretzka, sich mit seinen potenziellen Partnern einzuspielen, wird es genügend geben. Denn Löw plant explizit, seine Turnier-Stammformation frühzeitig zu finden. Zugeständnisse für ehemalige Leistungsträger oder aufstrebende Außenseiter gibt es nicht mehr. Gleiches gilt für Vereinsmannschaften, die regelmäßig über die hohe Belastung der Nationalspieler jammern. Löw knallhart: „Ich habe viel Rücksicht auf die Gesamtsituation genommen. Jetzt nicht mehr. Jetzt heißt es, zu punkten und sich möglichst einzuspielen, Automatismen zu schärfen.“
Der Bundestrainer, der im Sommer keinen neuen Job annehmen wird, erwartet vor allem wegen der bitteren 0:6-Pleite gegen Spanien eine Reaktion. „Gegen Spanien haben wir alle Fehler gemacht, ich auch, was Körpersprache angeht. Ich bin kein Trainer, der ständig die Linie rauf- und runterrennt. Ich war wütend, weil Dinge nicht umgesetzt worden sind“, erinnert sich Löw noch heute schmerzlich. Auch ein Grund, weshalb jetzt Schluss ist mit lustig.