TV-Kritik: Hoeneß lobt „Die Mannschaft“ in Grund und Boden

von Redaktion

Ta-Taaaaa! Ta-Ta-Ta-Taaaaa! Hier sind das Erste, Zweite und Dritte Deutsche Fernsehen mit der Uli-Schau! Auf neun Sendern gleichzeitig lief gestern das TV-Größtereignis „Brennpunkt Hoeneß“ mit dem akut gesprächsbedürftigen Fußballguru vom Ulmer Eselsberg. Menschen in mehr als 300 Ländern wollten wissen: Was sagt der Altpräsident zur Abschaffung der Osterruhe, zu Harry und Meghan, zur Volksabstimmung über die Milchviehhaltung in Gibraltar – und notfalls auch über das Länderspiel gegen Island? Wobei: Dafür hat sich nun wirklich niemand interessiert. Wir fassen Uli-TV für Sie zusammen. – Der verehrte Uli: RTL warf sich in den Staub vor lauter Begeisterung über seinen spektakulären Experten-Frischling. „Eine Fußballlegende zurück auf großer Bühne“, verkündete der Sender. Und: „Geballte Fußballkompetenz für Jogi Löws Abschiedstour, die Bühne ist bereitet für eine neue Ära.“ Beim Zuschauen merkte man schnell: Der kleine dicke Nordkorea-Tyrann Kim Jong-un wird in seiner Heimat deutlich weniger verehrt als Kim Jong-Uli beim RTL. Und so erkundigte sich Moderator Florian König unterwürfig beim Bayern-König: „Herr Hoeneß, was werden Sie dem Jogi denn auf den Weg geben?“ Ein bisserl mehr Show zum Island-Spiel wäre hübsch gewesen, Dolly Parton hätte zum Beispiel live „Island in the Stream“ singen können. Aber RTL entschied sich, seinen neuen Superstar ohne großes Gedöns in den Mittelpunkt zu stellen. – Der nervöse Uli: Man hätte sich natürlich gewünscht, dass Hoeneß gleich Aggro-mäßig loslegt. Motto: „Ihr seid doch selbst für Eure Scheißsendung verantwortlich!“ Aber davon war nichts zu sehen. Der ungünstig geschminkte Altpräsident war spürbar nervös und wünschte dem Altbundestrainer: „Ich hoffe, dass Jogi den Abschied verdient, den er verdient hat.“ Uli hatte sich dazu entschlossen, Löw und „Die Mannschaft“ in Grund und Boden zu loben. Er referierte über das Mittelfeld als „Prunkstück“ – kein Wunder, es kommt ja auch vom FC Bayern. Und über die Aufstellung urteilte er milde: „Der Jogi wird sich schon was gedacht haben.“ Beziehungsweise „Der liebe Jogi“, wie ihn der liebe Uli nannte. Mal ganz ehrlich: Wenn der liebe Jens Lehmann oder der liebe Klinsi das gleiche Zeug erzählt hätten wie Hoeneß, wären alle weggedöst. „Goretzka schießt mit links“, analysierte er den Linksschuss von Goretzka zum 1:0. – Der politische Uli: Warum „Die Mannschaft“ trotz Corona-Fall kicken durfte, konnte der Uli in bewährter Hoeneß-Weltsicht schlüssig erklären. Er unterrichtete die deutsche Bevölkerung: „Die Leute müssen verstehen, dass Fußball ein Beruf ist“ – offenbar im Gegensatz zu Gastwirten, Musikern und Fitnessstudio-Besitzern. Florian König widersprach nicht, das hätte nur die Uli-Huldigungen gestört. JÖRG HEINRICH

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