„Ich bin nicht Franzi. Ich bin ich“

von Redaktion

Sarah Köhler über Olympia-Impfung, Schwimmer-Liebe und Gerechtigkeitssinn

Sarah Köhler, in der Olympia-Qualifikation springen Sie endlich wieder ins Wettkampf-Becken. Wie groß ist die Freude?

Wir machen das ja, um uns mit der Konkurrenz zu messen, das gehört einfach dazu, um uns weiterzuentwickeln. Deswegen freuen wir uns, dass jetzt wieder Wettkämpfe stattfinden.“

Bei Ihrem Verlobten Florian Wellbrock hatte die Olympia-Verschiebung „Liebeskummer“ ausgelöst. Haben Sie ähnlich empfunden?

Ich weiß nicht genau, was er damit meinte (lacht). Ich habe auch ein bisschen gebraucht, um damit umzugehen. Aber das Ziel ist das gleiche, es dauert nur ein Jahr länger.

Glauben Sie an eine sichere Olympia-Blase?

Ich habe keine andere Wahl, als darauf zu vertrauen, dass die Verantwortlichen das einschätzen können und wissen, was sie tun. Wenn ich mir vor Ort die ganze Zeit einen Kopf mache, ob ich sicher bin oder nicht, und Angst habe, brauche ich mich nicht hinter den Startblock zu stellen.

Würden Sie sich bei einem Angebot für Olympia impfen lassen?

Auch auf die Gefahr hin, dass ich damit einen Shitstorm auslöse: ja. Wenn ich die Möglichkeit bekomme, würde ich mich natürlich impfen lassen, um mich selber ein Stück weit sicherer zu fühlen.

Mit dem offensiven Medaillen-Ziel tun Sie sich auch als Vizeweltmeisterin schwer. Warum?

Es sind immer Dinge dabei, die ich nicht beeinflussen kann. Aber natürlich möchte ich gerne eine Medaille holen, so wie auch vor zwei Jahren. Das wäre gelogen und würde mir auch keiner glauben, wenn ich sage: Ich möchte nicht.

Auf Ihren Langstrecken gibt es in Katie Ledecky eine nahezu unschlagbare Ausnahmeschwimmerin. Frustriert Sie das?

Ganz im Gegenteil. Man kann an ihr sehen, was möglich ist und in welche Zeitbereiche man vordringen kann, wenn man die richtige Technik hat und der Trainingsplan stimmt. Das spornt auch an.

Ist Ledecky ein Vorbild für Sie?

Sie ist die Gejagte. Und alle, die hinter ihr her sind, schauen natürlich: Was macht sie anders, was macht sie besser als wir? Natürlich sind das auch körperliche Voraussetzungen, an denen wir nichts ändern können. Aber ich bewundere, dass sie aus ihrem Körper so viel herausholen kann. Ich bin immer bereit, auch meine eigenen Erwartungen zu übertreffen.

Um dann womöglich die Überschrift „Die neue Franzi“ über sich zu lesen? Was würden Sie denken?

Dass das nicht zutrifft, weil ich definitiv nicht bin wie Franziska van Almsick, ich bin auch nicht wie Britta Steffen oder sonst wer, der vor mir erfolgreich war. Ich bin ich!

Sind Sie vielleicht sogar froh darüber, dass sich öffentlich viel auf Ihren Freund Florian Wellbrock konzentriert?

Ich bin da neutral. Er ist der Erfolgreichere von uns beiden, mit einem Doppelweltmeister kann ich da nicht zwingend mithalten. Aber das ist in Ordnung. Er soll für seine Erfolge auch die Aufmerksamkeit bekommen, die er verdient.

Sie haben getrennte Manager und lassen sich nicht als Schwimm-Paar vermarkten. Warum?

Wir sind zwei Einzelsportler, und als die wollen wir auch wahrgenommen werden. Natürlich gibt es die ein oder andere Gelegenheit, in der wir auch als Paar auftreten, und wenn wir zu einem Wettkampf fahren, dann wird es auch Bilder von uns geben.

Sie befinden sich auf der Zielgeraden ihres Jura-Studiums. Wollen Sie später Anwältin werden?

Tatsächlich weiß ich das noch nicht genau. Es kann die freie Wirtschaft sein, aber auch der Staatsdienst, vielleicht ja sogar ein Richteramt, das ist nicht unattraktiv.

Auch wegen Ihres Gerechtigkeitssinns haben Sie die Aufgabe der DSV-Athletensprecherin übernommen. Der Verband wurde zuletzt von Missbrauchs-Vorwürfen konfrontiert. Was fordern Sie?

So ein Verhalten hat im Deutschen Schwimm-Verband und in der Gesellschaft generell keinen Platz. Es ist nicht nur verwerflich, sondern auch eklig, um es mal klar auszudrücken. Ich hoffe, dass vonseiten der Justiz umfassend aufgeklärt und den vermeintlichen Opfern durch den Verband so gut es geht geholfen wird.

Interview: Jörg Soldwisch, Florian Krebl

Artikel 1 von 11