Auch ohne über 80 000 Fans im Stadion kochten die Emotionen am Mittwochabend in Dortmund hoch. War es nun ein berechtigter Elfmeter für Manchester City oder nicht? Hat BVB-Spieler Emre Can bei seinem unglücklichen Abwehrversuch in der 52. Minute seine Körperfläche irregulär vergrößert? Der Schiedsrichter beantwortete diese Frage mit „Ja“, gab Strafstoß für die Mannschaft von Pep Guardiola und das Königsklassen-Viertelfinale kippte endgültig.
Alle Aufregung über diese Szene ist aus dem Affekt heraus verständlich, aber so lange Regeln Interpretationsspielraum lassen auch müßig. Selbst mit dem Video-Assistenten kann man durch die aktuellen Statuten zu unterschiedlichen Auslegungen dieser Szene kommen. Daher müssen die Dortmunder unter die Champions League-Saison einen Schlussstrich ziehen und sich eingestehen: Wir haben zweimal sehr ordentlich gegen ManCity agiert, die Guardiola-Truppe steht allerdings verdient im Halbfinale. So wie es Mats Hummels auch einen Tag nach dem Aus in den sozialen Medien geschrieben hat.
Mit einer Spielzeit womöglich ohne Champions League vor den Augen muss sich der Club nun schleunigst fragen, wie man sich in Zukunft aufstellen will. Ist der Weg als Ausbildungsverein für europäische Top-Clubs weiter empfehlenswert? Und wie passt er auf Dauer zum Vereinscredo „Echte Liebe“?
Bellingham, Sancho oder Zagadou sind hochveranlagte Talente – aber ihr Karriereplan endet beim FC Barcelona, Paris Saint-Germain oder eben Manchester City. Ihre fehlende schwarz-gelbe DNA kann man ihnen gar nicht vorwerfen – vielmehr muss man den Machern vorwerfen, dass sie in der Kaderplanung zu viele Spekulationsobjekte geholt haben und zu wenig konstante Identifikationsfiguren. Punktuell wird man immer Spieler zu größeren Vereinen ziehen lassen müssen. Bei einem Kaliber wie Erling Haaland war das von seinem ersten Tag an eingepreist. Genau wie einst bei Robert Lewandowski. Solche Abgänge schmerzen die Fans, solange aber nicht die Basis-Identität der Mannschaft ins Wanken gerät, vergeht dieser Schmerz.
Dem jetzigen Kader wird Misserfolg nicht verziehen. Dafür finden sich die Anhänger in den Stars nicht wieder. Dieser BVB kann die Volksseele nur mit Titeln und Pokalen beruhigen. Gelingt das nicht, wird es ungemütlich.
So ist es mit der echten Liebe – sie kennt manchmal keine Gnade.
Daniel.Mueksch@ovb.net