Das Traurige am Rassismus-Fall Jens Lehmann ist nicht seine Nachricht, die den Vorgang ins Rollen gebracht hat. Dass Lehmann Ex-Nationalspieler Dennis Aogo per WhatsApp als „Quotenschwarzer“ bezeichnet hat, ist unfassbar dumm und ignorant. Mit einer aufrichtigen Entschuldigung wäre die Entgleisung womöglich noch ein wenig zu glätten gewesen. Aber seine zwei Entschuldigungen – zunächst via Twitter, später über die „Bild“-Zeitung – machen aus dem Vorfall erst einen Skandal und entlarven, welche Geisteshaltung sich dahinter verbirgt. Lehmann schreibt von „Quote“, die Aogo dem Sender Sky bringt und entschuldigt sich lediglich für den „Eindruck“, der entstanden sei. Nicht für den Inhalt. Nur für die Wahrnehmung. Eine beliebte Form des Alltagsrassismus, welcher die Rollen von persönlicher Herabwürdigung verdreht.
So auch hier: Jens Lehmann entscheidet ausschließlich aus seiner Position heraus, was Rassismus ist. Er ist nicht in der Lage, sich in die Position oder das Empfinden von Minderheiten zu versetzen. Sie sind aber die entscheidende Referenzgröße, ob etwas rassistisch ist oder nicht. Nicht ein 51-Jähriger weißer Ex-Torwart, sondern ein dunkelhäutiger Mann, der nicht permanent, jedoch kontinuierlich Anfeindungen aufgrund seiner Hautfarbe ausgesetzt war. Wenn so jemand sagt, etwas sei rassistisches Verhalten, dann ist es das. Punkt. Selbst wenn ein Jens Lehmann das nicht verstehen kann.
Noch etwas fällt auf: Üblicherweise gibt es in den Tagen der öffentlichen Empörung zumindest ein paar Unterstützer, die Übeltätern wie Lehmann zur Seite springen. Oder wenigstens versuchen, den Schaden für den Freund zu minimieren. Sie sagen Sätze wie: „Das war saudumm. Aber eigentlich ist der Jens ein dufter Typ.“ Bis dato stellt sich niemand in die Lehmann-Ecke. Im Gegenteil: Egal ob es ehemalige Mitspieler oder sein Heimatverein in Essen ist – alle gehen auf maximale Distanz.
Karsten Baumann twitterte: „Du warst schon damals ein Vollidiot.“ Mit „damals“ meinte Baumann die gemeinsame Zeit der beiden als Profis bei Borussia Dortmund von 1999 bis 2000. Das kann man Baumann glauben, muss man aber nicht. Die Öffentlichkeit war nicht in der BVB-Kabine dabei.
Die Richtigkeit der Baumannschen These für die Gegenwart konnten wir in den letzten Tage jedoch aus der ersten Reihe überprüfen.
Daniel.Mueksch@ovb.net