London – In der Kabine des FC Chelsea wurde der Einzug ins Champions-League-Finale exzessiv und lautstark gefeiert, wie Stürmer Timo Werner später berichtete. „Die letzten zehn Minuten hatte ich keine Stimme mehr, weil wir so viel geschrien haben“, sagte der deutsche Fußball-Nationalspieler, der den 2:0 (1:0)-Sieg gegen Real Madrid mit einem Kopfballtreffer eingeleitet hatte (siehe auch Text unten). „Ich bin sehr glücklich“, schwärmte auch Trainer Thomas Tuchel, der nun dem Finale in Istanbul gegen Manchester City entgegenfiebert.
Das Endspiel in der türkischen Metropole ist auch das Duell zweier Startrainer: Tuchel gegen Pep Guardiola. „Wir werden mit Selbstbewusstsein und positiver Energie nach Istanbul fahren“, sagte Tuchel, „und mit dem klaren Ziel zu gewinnen.“ Schöner Gruß an den Ex-Bayern-Coach Pep. Im Halbfinale des FA Cups hatte Tuchels Team Guardiolas Citizens mit 1:0 besiegt.
Im Halbfinal-Rückspiel der Königsklasse gegen Real dominierte Chelsea am Mittwoch an der Londoner Stamford Bridge über weite Strecken. Das Tuchel-Team gewann hochverdient gegen die enttäuschenden Gäste aus Madrid, musste aber viel zu lange zittern. Denn die Chancenauswertung ließ – wie schon beim 1:1 im Hinspiel – zu wünschen übrig. „Wir hätten so viel mehr und viel früher treffen können, um sicher zu sein“, monierte Tuchel. „Aber jetzt ist nicht die Zeit für Kritik.“ Erst fünf Minuten vor dem Ende machte Mason Mount mit seinem Tor zum 2:0 alles klar für den FC Chelsea, der sich außerdem bei seinem starken Keeper Edouard Mendy bedanken konnte.
Tuchel stand bereits im Vorjahr mit Paris Saint-Germain im Champions-League-Endspiel, das in Lissabon 0:1 gegen den FC Bayern verloren ging. Er ist damit der erste Fußballtrainer, der in zwei aufeinanderfolgenden Jahren mit unterschiedlichen Clubs das Finale erreicht. Er müsse also einiges richtigmachen, meinte ein Reporter. „Oder auch nicht“, scherzte Tuchel und lachte. „Es kommt darauf an, wen man fragt.“ PSG hatte den deutschen Coach zu Weihnachten beurlaubt – und war jetzt im Halbfinale mit 1:2 und 0:2 an Chelseas Finalgegner City gescheitert.
Bei Real Madrid suchte nach dem Aus in London niemand nach Ausreden. „Madrid wurde von einem Zug überfahren“, titelte die Fachzeitung „Marca“. Nach der Pleite drohe dem erfolgsverwöhnten Club eine große Personal-Rochade, schrieb das „AS“. Obwohl Nationalspieler Toni Kroos nur wenige Akzente setzen konnte, steht der Verbleib des Deutschen bei den Königlichen dem Bericht zufolge nicht zur Debatte. Aber der 31-Jährige könnte im Sommer einen neuen Trainer bekommen. Am Pranger steht nämlich vor allem Zinedine Zidane. Der Ex-Chelsea-Profi Eden Hazard und Sergio Ramos hätten nach Meinung der Medien nicht spielen dürfen.
Immerhin spielt Real noch um den spanischen Meistertitel mit. Vier Spieltage vor Saisonschluss belegen Kroos und Co. Platz zwei und haben – wie der FC Barcelona – zwei Punkte Rückstand auf Atletico Madrid. Für „Zizou“ ist der Liga-Triumph nun Pflicht. Denn nach einer Saison ohne Titelgewinn wird bei Real Madrid jeder Trainer gefeuert, wie „Marca“ jüngst erinnerte. Auf die Frage nach seiner Zukunft sagte Zidane in London: „Ich denke noch gar nicht daran, ich denke jetzt nur noch an die Liga.“ Sein Motto klingt englisch: „Ruhe bewahren“. dpa/sid