Aus aktuellem Anlass ist Vorsicht geboten, wenn und wie man Maßnahmen der Politik, die der Eindämmung der Pandemie gelten, hinterfragt. Manchmal aber wecken sie dann doch den Zyniker in uns, wenn man zum Beispiel im Handel ein bestimmtes Produkt kaufen will, an der Ladentheke aber darauf hingewiesen wird, dass dies derzeit nur nach telefonischer Vorbestellung möglich sei. Also geht man kurz vor die Tür, ruft vom Handy aus an, ordert, geht wieder rein und kriegt das Ding.
Ist zwar urkomisch, vielleicht auch lächerlich. Aber verkraftbar. Wesentlich mehr Sorge bereitet uns da schon, mit welcher Arroganz oder Ignoranz die Politik den Sport behandelt. Dort, wo viel Kohle gemacht wird, darf man durch die Welt tingeln, kicken, Zweikämpfe führen und sich nach Toren inniglich abbusseln. Dort aber, wo Spiel und Sport so wichtig wären, bei Kindern und Jugendlichen, baut man riesige Hürden auf, nimmt den Kids und ihren Übungsleitern jeden Spaß.
Dabei hatten wir doch gerade Licht am Ende des Tunnells gesehen, da Kino, Theater und Biergärten wieder öffnen sollen. Schon hatten wir uns der vagen Hoffnung hingegeben, dass ganz allmählich wieder so etwas wie ein kleines Stück Normalität auch in den Sport zurückkehrt. War naiv. Stattdessen sehen wir höchstens minimale Fortschritte und auch die gelten nur für Regionen, in denen die Inzidenz über eine Woche konstant unter 100 liegt (was sie noch in den wenigsten Fällen tut).
Gut, unsere Politiker sind ja nicht zu beneiden, hören von einer Seite das, von anderer jenes. Warum sie aber der einen Expertenmeinung so viel mehr Gewicht geben als anderen, etwa der des Aerosol-Forschers Scheuch, der Fußball an der frischen Luft für reichlich unbedenklich hält, erklärt uns keiner so recht. Auch nicht, wie sinnvoll es ist, Kindern unter 14 Vereinstraining unter strengen Auflagen in Kleingruppen anzubieten. Kontaktlos! Da treffen sie sich doch lieber heimlich auf dem Bolzplatz, wo sie kicken dürfen, wie sie es gewohnt sind (bis sie die Polizei verscheucht).
Es sind schon reichlich verrückte Zeiten, wo Kindern das, was Ärzte und Soziologen für wesentlich halten, von Staats wegen verboten ist. Auffälligkeiten bei der psychischen Verfassung hätten genauso zugenommen wie das Gewicht, schlägt der Verbandspräsident der Kinder- und Jugendärzte Alarm, der Professor Froböse von der Sporthochschule Köln warnt vor sozialer Verarmung. Kontakte, die Kinder sonst im Sportverein knüpfen, würden nun in eine digitale Welt verlagert. Was zwar die Digitalministerin Bär freuen dürfte, weniger aber Experten, die sich ernsthaft um Entwicklung, Psyche und Gesundheit junger Menschen sorgen.
Was hat der Sport gekämpft um die Kids, die Flucht in eine digitale Welt hatte ja längst vor Corona begonnen. Nun ist der Anteil derer, die sich lieber an der Konsole als auf Sportplätzen betätigen, exponentiell gestiegen. Eine Million Mitglieder haben die deutschen Sportvereine in der Pandemie verloren, vor allem Kinder und Jugendliche. Schon jetzt können viele von ihnen einfachste Dinge nicht mehr, wie rückwärts laufen, Purzelbäume schlagen, auf einem Bein stehen, es fehlt an einst selbstverständlichen und grundlegenden koordinativen Fähigkeiten.
Jetzt hätte die Politik die Chance gehabt, auch mal die Stimmen ernst zu nehmen, die zumindest den Sport im Freien für unbedenklich, sogar hilfreich erachten. Wieder aber wird alles nach hinten geschoben, vielleicht, bis auch alle Kinder geimpft sind. Zum Glück gibt es bis dahin ja andere Mittel gegen Bewegungsmangel, Gartenarbeit etwa empfiehlt unsere Regierung. Dumm nur, dass viele Kinder in Ballungsgebieten gar keinen Garten haben. Alles irgendwie urkomisch. Aber halt nicht zum Lachen.
Wissenschaftler halten Sport im Freien für unbedenklich, doch die Politik ignoriert weiter diese Stimmen