München – Dr. Helmut Marko (78) ist Herz und Hirn des Formel-1-Projekts von Red Bull. Vor dem vierten Saisonlauf am Sonntag in Barcelona sagt der Österreicher Weltmeister Mercedes den Kampf an.
Dr. Marko, Mercedes-Teamchef Toto Wolff hat Ihnen ja in Portugal einen neuen Spitznamen verpasst. Sollen auch wir Sie jetzt mit Mr. Grumpy (englisch für mürrisch) ansprechen?
(lacht) Das geht an mir vorbei. Wir sind technisch auf relativ gleichem Niveau. Wenn wir schon ins Psychologische abschwenken, dann würde ich mir auch da etwas mehr Niveau erwarten.
Haben sich die Gemüter bei Red Bull nach Portugal wieder beruhigt? Immerhin haben Sie den Mercedes-Kunden da vorgeworfen, im Qualifying für Mercedes gefahren zu sein…
Das muss man im Zusammenhang sehen. Max Verstappen ist auf der schnellsten Runde, die zweite hat er gebraucht, weil ihm ja die erste gestrichen wurde. Und wenn dann so ein Funkspruch kommt, dann ist es klar, dass man sich darüber ärgert. Sebastian Vettel war in der letzten Kurve entscheidend im Wege, das hat auch nicht geholfen, unsere Position zu verbessern. Und wenn man sich ärgert, muss man das auch sagen dürfen.
Wie lautet denn generell Ihr erstes Fazit?
Wir hatten drei Rennen und haben eines davon gewonnen. Damit sind wir nicht zufrieden. Ein Rennen haben wir verloren, weil wir über die Tracklimits gekommen sind. Klar, das ist ein Vergehen. Aber man muss auch mal auf die Sinnhaftigkeit dieser Regeln schauen. Das sagen ja auch Mercedes-Leute: Wozu zieht man Linien, wenn Platz genug ist? Was mich am allermeisten stört, ist die mangelnde Konstanz in der Bestrafung. Resümee: Wir sind unter Wert geschlagen, wir haben summa summarum das schnellere Auto. Mercedes hat mit Hamilton einen nicht übermächtigen, aber unglaublich starken Fahrer, der über sich hinauswachsen kann. Wir können gewinnen, wenn alles perfekt läuft.
Wie geht Verstappen damit um? Er ist jetzt erstmals in der Situation, dass er eine echte Chance auf den WM-Titel hat, ist aber mit 23 Jahren immer noch blutjung.
Wir feiern in Barcelona sein fünfjähriges Jubiläum bei Red Bull. Er ist zwischenzeitlich als Mensch und als Fahrer so gereift, dass er auch die Stärke und die Nerven hat, einen solchen Titelkampf auszufechten. Quintessenz: Max ist reif für den Titel.
Trotzdem wurde er zuletzt für seine kleinen Fehler kritisiert.
Hamilton macht auch Fehler, aber ist noch abgebrühter. Er kann auf seine Chance warten. Max, das muss man schon sagen, ist vom Charakter her eher temperamentvoll. Oder anders ausgedrückt: ungeduldiger. Das zeigt sich derzeit etwas zugunsten von Hamilton.
Aber ist das nicht auch ein gutes Zeichen, dieser Ehrgeiz?
Ja und das ist auch die DNA von Red Bull Racing. Wir sind ein leidenschaftliches Rennteam, in dem der Kampf, die Challenge im Vordergrund steht. Da passt ein Fahrer wie Max Verstappen optimal rein. Aber das muss man trotzdem dahingehend zähmen, dass man auch die WM im Blick hat.
Wo hat Ihr Auto Vorteile gegenüber Mercedes und wie lange machen Sie das Entwicklungsrennen mit, bevor Sie sich auf 2022 konzentrieren?
Wir hatten drei Rennstrecken, die man nicht als charakteristisch hinstellen kann. Bahrain war wegen der Temperatur außergewöhnlich, Imola wegen des Regens und Portugal wegen des Streckenbelags, der sehr wenig Grip aufbaut. In Barcelona kommen wir erstmals auf eine charakteristisch normale Rennstrecke mit normaler Temperatur. Bis dato war der Vorteil für uns die Qualifying-runde. Im Rennen hat das Pendel je nach Reifentyp in Richtung uns oder in Richtung Mercedes ausgeschlagen. Wir wollen diese WM gewinnen, ganz klar. Wir wollen aber auch 2022 wieder ein WM-fähiges Auto haben. Und diesen Spagat müssen wir hinkriegen. Derzeit läuft alles nach Plan, geht die Entwicklung des Autos weiter, geplant ist bis zur Sommerpause. Bis dahin werden wir sehen, wie die Situation aussieht. Schwieriger wird es durch die Budgetgrenze, weil wir durch die Ressourcen beschränkt sind, aber das betrifft ja auch Mercedes.
Wie hilfreich ist Ihre Erfahrung im Titelkampf aus der Zeit mit Sebastian Vettel?
95 Prozent der Leute, die mit Vettel die WM-Titel geholt haben, sind immer noch da. Das heißt, die können mit dem Druck umgehen. Das zeigen auch unsere Boxenstopps. Wenn wir da mal über zwei Sekunden sind, ist es für uns schon langsam.
Und sind die Psychospielchen mit Mercedes eher Ansporn oder lenken Sie ab?
Wir verteidigen unsere Positionen und wir tun auch unsere Meinung kund. Dass die Wortwahl zwischen zwei Österreichern auch mal etwas brisanter wird, muss man als nationale Angelegenheit sehen (schmunzelt). Und: Wir haben den jungen Herausforderer, Mercedes den siebenmaligen Champion, das gibt schon mal eine Brisanz, wenn der Kronprinz den alten König stürzen will.
Ihr ehemaliger Fahrer Sebastian Vettel fährt im Aston Martin derzeit nur hinterher. Hätte er die von Ihnen vorgeschlagene Auszeit nehmen sollen?
Sebastian ist über 30, eine gestandene Persönlichkeit. Er muss wissen, was er tut.
Aber da muss Ihnen doch als altem Vettel-Intimus das Herz bluten.
Das blutet schon lange.
Interview: Ralf Bach