München – Die Meister-Feierlichkeiten der Spieler des FC Bayern fielen am Wochenende eher spärlich aus. Eine große Titel-Sause war wegen Corona und der daraus resultierenden Quasi-Quarantäne freilich nicht möglich. Gefeiert wurde mit den Liebsten zu Hause. Also warf sich Thomas Müller eben daheim in Schale, schlüpfte in eine weiße Sommer-Jeans, ließ den obersten Knopf seines blau-weiß-gestreiften Hemds offen und posierte mit Ehefrau Lisa am Müller’schen Pferdehof für das obligatorische Titel-Foto. Das Familienalbum der Müllers ist also um ein weiteres Meister-Bild reicher – das neunte in Folge. Sollten die Bayern nächstes Saison erneut die Schale sichern, könnten sie auf ein Titel-Jahrzehnt zurückblicken.
Ab Sommer übernimmt bekanntlich Julian Nagelsmann als Cheftrainer in München. Der 33-Jährige ist noch ohne Titel, kündigte im Sommer 2019 bei seiner Amtsübernahme in Leipzig aber bereits an, mit den Sachsen bald etwas gewinnen zu wollen. Am Donnerstag hat er gegen Borussia Dortmund im Pokal-Finale die Chance dazu. Gut möglich, dass er als Pokalsieger seine Cheftrainer-Zeit in München und die Jagd nach der zehnten Schale in Folge startet.
Die Frage: Schafft Nagelsmann die 10 für den FC Bayern? Diese Bestmarke wäre in allen europäischen Top-Ligen beispiellos: Juventus Turin konnte von 2012 bis 2020 bisher neun nationale Meistertitel in Folge erringen. Diese Serie riss jedoch in der aktuellen Spielzeit.
Nagelsmann heuert mit Vorschusslorbeeren an. „Es ist kaum möglich, einen zweiten Trainer zu finden, der ähnlich intelligent trainieren lässt wie Pep Guardiola und seinen Spielern Lösungen an die Hand gibt, die im Spiel funktionieren. Julian ist so jemand“, schwärmt beispielsweise der Leipziger Angelino, der vor seinem Wechsel zu RB bei Manchester City unterGuardiola arbeitete, im „kicker“.
Dass Nagelsmann und die Bayern diesen Rekord kommende Saison anpeilen können, liegt nicht nur an der stets schwächelnden nationalen Konkurrenz, sondern auch an einigen Schachzügen der Bayern-Führung im vergangenen Jahrzehnt. Man hatte immer einen Interimstrainer-Joker im Ärmel, wenn der Abstand zur Tabellenspitze zu groß wurde. Jupp Heynckes, der 2017 Carlo Ancelotti ersetzte, wandelte ein Fünf-Punkte-Rückstand in einen 21-Punkte-Vorsprung um.
Etwas geringer (vier Zähler) war der Abstand zum Tabellenführer Gladbach im November 2019. Doch die 1:5-Pleite in Frankfurt war zu viel für Trainer Niko Kovac. Co-Trainer Hansi Flick, in weiser Voraussicht von Hoeneß installiert, übernahm. Es wurde eine Erfolgsgeschichte.
Gleichzeitig haben es die Verantwortlichen geschafft, den Umbruch voranzutreiben. Joshua Kimmich hat mit seiner Mündigkeit und seinem Ehrgeiz Bayern-Ikone Philipp Lahm ersetzt. Er zieht nun gemeinsam mit Leon Goretzka im Mittelfeld auf der einstigen Position von Bastian Schweinsteiger die Fäden. Und während es früher auf den Außenbahnen nur mit Arjen Robben und Franck Ribéry absolute Ausnahmekönner gab, hat man jetzt mit Leroy Sané, Serge Gnabry und Kingsley Coman eine deutlich größere Auswahl. Zudem lauern mit Jamal Musiala und Alphonso Davies absolute Toptalente auf ihre Chancen.