Das desaströse Bild des deutschen Sports

von Redaktion

Ganz schlechter Lauf: Streit bei DFB und DOSB, Querdenker- und Rassismus-Schlagzeilen

VON GÜNTER KLEIN

München – Die Gegend ist unscheinbar, gelegen zwischen Frankfurter Flughafen und Zentrum. Klar, das Stadion, das jetzt Commerzbank Arena heißt, kennt jeder, doch dass sich nur ein paar hundert Meter entfernt das Machtzentrum des deutschen Sports befindet, ist den Ortsunkundigen nicht bewusst. Man muss sich ein bisschen auskennen rund um den Frankfurter Stadtwald, um zielsicher zu all den Verbandszentralen zu gelangen, die als Adresse die Otto-Fleck-Schneise führen: allen voran Deutscher Fußball-Bund, Deutscher Olympischer Sport-Bund. Welt- und Europameisterschaften, Olympische Spiele, all das wird in den Bürobauten geplant. Noch. Der DFB wird ja umziehen in seine noch im Bau befindliche Akademie auf der ehemaligen Galopprennbahn, die Deutsche Fußball Liga (DFL) hatte früher ihren Sitz an der Otto-Fleck-Schneise, hat sich aber ins Bankenviertel orientiert, um auf Abstand zum Verband zu gehen.

An der Otto-Fleck-Schneise wird in Zukunft also einiges frei, derzeit aber noch ist sie sozusagen die Heimstatt des Bösen. Denn die beiden größten Organisationen zeichnen ein desaströses Bild des (deutschen) Sports. DFB und DOSB tragen ihre internen Streitigkeiten nach draußen und erreichen eine Öffentlichkeit, die sich wehmütig daran erinnert, dass es eine Zeit gab, in der Sport Werte vermittelte und seine Stars Sympathieträger waren. Doch wann gab es zuletzt so etwas wie eine nationale Geschichte der Freude über einen sportlichen Erfolg, über eine frische und unanfechtbare Persönlichkeit?

Der DFB müsste in freudiger Vorbereitung auf die Europameisterschaft mit drei Heimspielen stecken. Doch das Sportliche erscheint – auch unter dem Joch der Corona-Pandemie – weit entfernt. Thema sind ausschließlich die Streitereien im Verband. Bei dem herrschte früher schon ein schroffer Ton – Wolfgang Niersbach, als er Generalsekretär war, verschanzte sich in seinem Büro sogar mal vor dem wütenden damaligen Präsidenten Theo Zwanziger –, doch nun eskaliert es richtig. Präsident gegen Generalsekretär, Präsident und DFL gegen den ersten Vizepräsidenten, allerdings auch die DFL nicht mehr auf Seiten des Präsidenten Fritz Keller, seit der sich mit einem auf den Vize gemünzten Nazi-Vergleich diskreditiert hat. Zurückgetreten ist noch keiner. Fritz Keller war mit Blumen und Kostproben aus seinem Weingut auf Entschuldigungstour, Rainer Koch, der Vizepräsident. breitete seine Betroffenheit über interne und öffentliche Kritik an seiner Arbeit im ZDF-Sportstudio aus. Keiner ist bereit, zu weichen – Fortsetzung folgt.

Der DOSB hatte bis vor Kurzem ein passables Image. Der Dachverband trat bei Olympischen Spielen in Erscheinung, im gut versponserten Deutschen Haus wurde fröhlich gefeiert, die Marketing-Kampagne zum „Team D“ saß, auch in der Impffrage hat der olympische Sport sich dezent und clever verhalten: Nichts gefordert, aber auf das Angebot einer Sondertranche Biontech eingestiegen.

Der DOSB verkaufte Erfolge – genauer hingesehen hat die Öffentlichkeit nie. Der langjährige Präsident Thomas Bach baute von Frankfurt aus seine Karriere auf, die ihn ins höchste Amt des Weltsports, an die Spitze des IOC, brachte. Sein Nachfolger Alfons Hörmann, zuvor umtriebiger Chef des Deutschen Ski-Verbandes, steht im Zentrum eines betrieblichen Aufstandes der Angestellten im DOSB. Hörmann wird vorgeworfen, im Haus des Sports eine „Kultur der Angst“ etabliert zu haben, aktuell äußert sich Thomas Dieckhoff, ehemaliger Geschäftsführer der Deutschen Sport Marketing. Er sagte in der FAZ: „Bei Herrn Hörmann habe ich persönlich den Druck immer als negativ empfunden, als Stress. Das war bedrohlich, verunsichernd und hat nicht dazu beigetragen, für mich persönlich eine positive, motivierende Arbeitsatmosphäre zu schaffen.“

Hörmanns Art der Amtsführung hat im deutschen Sport aber durchaus Anhänger. Zu ihnen gehört Matthias Große, Lebensgefährte von Eisschnelllauf-Star Claudia Pechstein und Präsident der Deutschen Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft. Ihn hatte Hörmann gefördert – Große dankt es nun mit einer Stellungnahme, in der er Hörmann-Kritiker abkanzelt. „Wir leben unter einem Dach mit Denunzianten. Das ist die bittere Wahrheit, wenn wir auf den gelebten Alltag in Deutschland blicke. . . Ich hasse Denunzianten.“ Dann noch ein Corona-Schlenker: „Das gilt für solche, die Lieschen Müller anschwärzen, weil sie in Zeiten der Pandemie zwei Enkel zu Gast hatte, obwohl laut Regierung nur einer erlaubt war.“ Die aggressive Tonart Grosses, der Hörmann als „Opfer eines Hinterhalts“ sieht, ist ein weiterer Tabubruch.

Aber eben auch der Sound des Sports in diesen Tagen.

Verbal aufgerüstet worden war auch bei der Debatte um die Super League im Fußball. Die UEFA, sozusagen die EU des Fußballs und eigentlich diplomatischer Sprache verpflichtet, nannte die zwölf Clubs, die Abspaltungspläne vorantrieben, „das dreckige Dutzend“. Mit dem lauten Schimpfen übertönte sie die Kritik aus Fankreisen an der Reform der Champions League, die sie als das kleinere Übel durchdrücken konnte.

Doch Übel bleibt Übel. Und nicht immer geht es von Verbänden und Institutionen aus. Auch Einzelpersonen aus dem Sport haben zuletzt für negative Nachrichtenlage gesorgt. Christoph Metzelder, bekannt aufgrund seiner Fußballer-Vita und weil er nach der Karriere sich für eine Funktionärstätigkeit positioniert hatte (manche sahen in ihm ja gar schon einen künftigen DFB-Präsidenten), musste sich vor Gericht für den Besitz von Kinderpornografie verantworten. Fußball-Weltmeister Thomas Berthold ist in die Querdenker-Szene abgedriftet, von weiteren bekannten (Ex-)Kickern wie Wout Weghorst, Carsten Ramelow und Andreas Beck waren krude Ansichten zur Corona-Pandemie zu vernehmen. Auch Jens Lehmann äußerte sich in diese Richtung.

Lehmann hat schließlich vergangene Woche mit einer WhatsApp-Nachricht rassistischen Inhalts, versehentlich verschickt an den, über den gechattet werden sollte, eine Kettenreaktion in Gang gesetzt. Auch seine „Zielperson“ Dennis Aogo schoss sich mit einem verletzenden Sprachbild („Trainieren bis zum Vergasen“ vorerst aus dem Experten-Job. Und weil sich zudem noch der Grünen-Politiker Boris Palmer provozierend einmischte, war eine dritte Karriere tangiert, die womöglich unrühmlich zu Ende gehen wird.

Der Sport hat derzeit keinen guten Lauf. Er braucht dringend klassischen „Content“: Wettkämpfe, Ergebnisse, EM, Olympia.

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