Wachablösung rückt näher

von Redaktion

TENNIS Zverev begeistert in Madrid, weiß aber selbst: Seine Bewährungsprobe wartet in Paris

VON DANIEL MÜKSCH

München – Ärmelloses T-Shirt, schwarzes Stirnband und Goldkettchen um den Hals: Egal wie oft man hinsah, die äußerliche Erscheinung blieb identisch.

Der Alexander Zverev, welcher am Sonntag das Masters in Madrid nach einem Kraftakt gegen Matteo Berretini gewann, war derselbe Tennisprofi, der gut eine Woche zuvor gegen den Qualifikanten Ilja Iwaschka bei den BMW Open im Viertelfinale das Nachsehen hatte – mit 14 Doppelfehlern und einem zum Teil passiven Ballgeschiebe.

Wie konnte aus dem BMW-Open-Zverev der Spieler werden, der in der spanischen Hauptstadt vom Viertelfinale an Rafael Nadal, Dominic Thiem und jenen Matteo Berretini schlug?

Die Spurensuche endet zunächst am rechten Ellbogen des Deutschen. In München verriet Zverev, dass die Verletzung ihn viel stärker schmerzte als bis dato bekannt, so sehr, dass er sich kurz vor Turnierbeginn einer Eigenbluttherapie unterzog. Dass er angeschlagen in München aufschlug, war keine Floskel, sondern Realität.

Zudem hat Zverev in der Vergangenheit immer wieder bewiesen: Er geht lieber als einer von mehreren Mitfavoriten in ein Turnier und nicht als der glasklare Topfavorit – wie in München. In Madrid konzentrierte sich die Aufmerksamkeit zunächst auf Sandplatzkönig Rafael Nadal, und im Schatten des Mallorquiners konnte sich der gebürtige Hamburger in Form spielen, um Nadal wenig später höchstpersönlich zu stürzen.

Ein noch entscheidenderer Punkt für den Zverev-Erfolg in Madrid klingt banal, ist auf diesem Niveau jedoch fundamental: Er weiß wie man solche Events gewinnt. Eine Woche Turnier, jede Partie maximal zwei Gewinnsätze – so laufen die Masters ab und nach diesem Schema hat der 24-Jährige nun vier dieser Veranstaltungen gewinnen können. So schön der Triumph in Madrid auch ist, Zverev weiß selber, dass er für die Wachablösung des Trios Federer-Nadal-Djokovic woanders als Turniersieger vom Platz gehen muss: auf der Grand-Slam-Bühne. Das hat er unserer Zeitung bereits in München verraten: „Turniere in drei Sätzen gewinnen andere ja schon. Von Ablösung kann man aber erst sprechen, wenn ich und andere Spieler als die Drei anfangen, Grand Slams zu gewinnen“, so Zverev.

Für ihn macht die Erfahrung in Best-of-Five-Duellen und die Fitness noch den Unterschied zugunsten der „großen Drei“. Ein Blick in die Statistik gibt Zverev Recht.

Bei seinen bisherigen größeren Turniersiegen hat er jeden der Drei geschlagen. Bei seinem ATP-Weltmeistertitel von 2018 genauso wie bei seinen vier Mastertiteln. Wie oft hat er diese Drei allerdings in einem Grand-Slam–Match bezwungen? Nicht ein einziges Mal.

Diese Statistik will Zverev schleunigst verbessern: „Mein Fokus liegt auf den Grand Slams. Dort will ich mich in Topform präsentieren und mein bestes Tennis spielen.“ Nachdem dieses Ziel in München noch weit entfernt schien, rückt es nun in greifbare Nähe. Am 30. Mai starten die French Open in Paris. Djokovic, Federer und Nadal haben ihre Teilnahme am prestigeträchtigsten Sandplatzturnier der Welt zugesichert.

In Madrid beschwerte sich Sieger Zverev noch halbironisch auf der Pressekonferenz: „Ich gewinne ein Masters – und keine Frage auf Deutsch? Wie man sieht, bin ich den Deutschen wirklich egal.“ Sollte er nach vierzehn Tagen French Open wieder als Champion das Turnier verlassen, wird er diese Beschwerde mit Sicherheit nicht mehr vorbringen können.

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