Der auf (und mit) dem Seil tanzt

von Redaktion

Sebastian Egger (23) aus Wolfratshausen ist erfolgreich in der jungen Sportart Highline

VON THOMAS WENZEL

Wolfratshausen – Dass sie Artisten seien, hören Slackliner nicht so gerne. Auch wenn die Verwandtschaft zum Seiltanz nicht von der Hand zu weisen ist. Der Unterschied: Im Zirkus balancieren die Könner auf einem straffen Seil, während sich der Kunstfaser-Gurt beim Slacklinen unter der menschlichen Last dehnt und somit einen ständigen Ausgleich ihrer Eigenbewegung erfordert.

Ursprünglich in den USA von Freikletterern erfunden und von Skistars wie Ingemar Stenmark und Bode Miller als Ausgleichstraining genutzt, hat sich das Balancieren auf dem cirka 15 Meter langen Band zu einer eigenständigen Sportart entwickelt. Ein echter Könner ist Sebastian Egger: Nicht nur, dass der 23-jährige Wolfratshauser Seile mit 50 Metern Länge benutzt, die er in 20 Metern Höhe spannt –, er vollführt auf der so genannten Highline auch noch eine Vielzahl an akrobatischen Figuren. Bei der internationalen Pandemic Open Freestyle Competition, bei der man zwischen 1. Januar und Mitte Februar seinen besten Videoclip einreichen konnte, belegte der Master-Student in Informatik den zweiten Platz. „Für mich kam das völlig unerwartet. Aber es macht auch Spaß, wenn man sieht, welche Fortschritte man macht“, sagt der Gleichgewichtskünstler.

Begonnen hatte alles ganz harmlos mit einer einfachen Slackline, die Egger und ein paar Kumpels aus Wolfratshausen an einem passen Ort im Freien gespannt hatten. Weil der vormalige Breakdancer und begeisterte Bergkletterer Freude am Balancieren gefunden hatte, wurde er während seines Maschinenbau-Studiums schnell auf Gleichgesinnte aufmerksam: „Mich hat es fasziniert, welche Tricks und Figuren die konnten.“ Irgendwann beschloss Egger, den Sport intensiver zu betreiben, war mit den Kollegen an jedem Wochenende unterwegs, um im Alpengebiet an geeigneten Schluchten zu trainieren.

Was gibt es zu beachten, wenn man auf die Highline, möchte? „Am Anfang geht es erst einmal darum, auf dem Seil durchzulaufen“, erklärt der Wolfratshauser. Und wer nicht schwindelfrei ist? „Der muss sich immer wieder seiner Angst aussetzen und diese überwinden.“ Das A und O in puncto Sicherheit sei der Aufbau der Geräte. „Wenn beim Aufbau alles richtig gemacht wird, kann im Endeffekt nichts passieren“, betont der 23-Jährige. In der Szene habe es zwei oder drei tödliche Unfälle gegeben, allerdings in Ausnahmesituationen: „Einer war kurz vor einem Sturm aufs Seil geklettert, ein anderer hatte es an einem viel zu kleinen Betonpfeiler befestigt.“

Ohnehin sind die Sportler mit zwei Sicherheitsleinen an der Highline befestigt. Seine Vorführung – die so genannte „Combo“ – baut der 23-Jährige meist auf einer Handvoll lange eingeübter Figuren auf. „Dann kommen noch drei oder vier neue Tricks dazu, so dass es bei einer Competition am Ende rund 15 Figuren sind.“ Ein längeres Seil schwinge viel langsamer durch, da kommen in einem gewissen Zeitabschnitt auch weniger Tricks zusammen. Natürlich schaue man sich bei den Kolleginnen und Kollegen live oder im Video auch ein paar Dinge ab. „Aber ich habe auch schon selbst einen oder zwei Tricks erfunden, die es zuvor noch nicht gab.“ Intensiviert hat Egger auch sein Training: Neu dazu gekommen sind sechs Einheiten Yoga in der Woche, dazu ein Rumpf-Workout und ein Sprinttraining für die Beinmuskulatur.

Noch ist die Community der Slackliner weltweit überschaubar. „Aber gerade deshalb pflegen wir auch viele Kontakte untereinander“, erzählt Sebastian Egger. So ist er mit einem Kollegen aus den USA gerade dabei, eine Highline-Freestyle-App für das Smartphone zu entwickeln: „Unter anderem wird es da Tipps für Übungen und Tricks geben.“

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