Die Unterbrechung des Umbruchs

von Redaktion

Welche Rolle Löw für seine Rückkehrer Müller und Hummels vorgesehen hat

VON GÜNTER KLEIN

München – Ein Hoteltagungsraum in Berlin, der Beamer wirft eine Grafik an die Wand: „Letzte 7 Wochen.“ Marcus Sorg sitzt angespannt in seinem Stuhl, Andy Köpke lässig, Joachim Löw stellt Fragen, wer von seinen Spielern wann Corona hatte – der DFB hat während der dreitägigen Klausurtagung der sportlichen Leitung der Nationalmannschaft die Kameras mitlaufen lassen, um zu dokumentieren: So ein EM-Kader entsteht nicht aus dem Bauchgefühl heraus, sondern auf der Basis von langfristigen Beobachtungen und auch wissenschaftlichen und medizinischen Erwägungen. Gestern gab Bundestrainer Löw dann bekannt, was er mit seinen Assistenten für einen Kreis von 26 Spielern gefunden hat. Er enthält (erwartete) und (überraschende) Rückkehrer, einen hohen Anteil an Akteuren des FC Bayern. Und ein paar Namen, die sonst verlässlich auf der Liste standen, findet man nicht mehr.

Thomas Müller und Mats Hummels, zwei der drei Weltmeister, die Löw im Frühjahr 2019 dem, wie er selbst sagt, Prozess der „Ausbootung“ unterzogen hatte, gehören zum EM-Team. Zwar ohne formelle Stammplatzgarantie („Die kann es in einem Turnier nicht geben“) – aber mit einer klaren Vorstellung, dass sie die offensichtlichen Schwächen der Nationalmannschaft beheben können. „Mats hat auf andere Spieler einen guten Einfluss“, sagt Löw über Hummels, der die Innenverteidigung ordnen soll. „Thomas wird nicht wie in seiner Endphase bei uns rechts draußen an der Seitenlinie spielen müssen, sondern vermehrt aus dem Zentrum und der Halbposition, da ist er für den Gegner schwerer zu brechen“, erklärt Löw, wie er mit Müller plant. Werden die Promis Hummels und Löw auch ihre angestammten, mittlerweile aber anderweitig vergebenen Rückennummern (5, 13) zurückbekommen? „Ich weiß im Turnier oft gar nicht, wer welche Nummer trägt“, sagt Löw. Nationalmannschafts-Direktor Oliver Bierhoff gibt ihm umgehend das Zeichen: Wird geregelt.

Als Umfallen würde Löw seine Entscheidung pro Hummels und Müller nicht bezeichnen, für ihn ist es die „Unterbrechung des Umbruchs“, den er nach der WM 2018 eingeleitet und den in seiner Wahrnehmung die Pandemie ausgebremst hatte. Tatsächlich sieht ein Kader 2021 anders aus, als das 2020 zum ursprünglichen EM-Termin gewesen wäre. Vor einem Jahr hätte es auch Kevin Volland nicht ins Team geschafft – doch jetzt sind seine Tore für AS Monaco ein Argument, dem der Bundestrainer sich nicht verschließt. Mit Volland überraschte er – wie mit Christian Günter, der nur einmal vor der WM 2014 dabei war. Dass ein Freiburger im EM-Kader steht, rechtfertigt Löws häufige Freiburg-Stadionbesuche. Und er braucht auch Leute, die keinen Rabatz machen, wenn sie nicht in den 23er-Spieltagskader kommen und auf die Tribüne müssen.

Neben der „internationalen Erfahrung, die er schon gesammelt hat“, dürften die noch geringen Ansprüche, die er stellen wird, auch ein Argument für Jamal Musiala gewesen sein. Der 18-Jährige ist der achte Bayern-Spieler in der EM-Truppe. Löw zog ihn dem Leverkusener Toptalent Florian Wirtz vor.

Musiala hat einige potente Bewerber um einen EM-Platz überholt. Julian Brandt (Dortmund) fand keine Berücksichtigung, Marco Reus’ Verzicht klingt nach Vorab-Agreement mit Löw („Er müsste die Intensität hochfahren“), Julian Draxler (Paris), als Kapitän der siegreichen Confed-Cup-Mannschaft von 2017 der Anführer der nachrückenden Generation, verpasst seit 2014 erstmals ein Turnier. „Bei einigen Spielern bricht eine Welt zusammen“, berichtet Joachim Löw von unangenehmen Gesprächen – es waren seine letzten.

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