München – Ruhig ist es geworden um Hasan Ismaik. „Diese Saison hat gezeigt, wozu unser geliebter #TSV1860 im Stande ist, wenn alle Gremien, Spieler und Fans an einem Strang ziehen“, ließ der Mehrheitseigner der Löwen diese Woche in seinem Social-Media-Fazit wissen. „Das war immer meine Absicht seit meinem Einstieg im Jahr 2011. Mein großer Wunsch ist es, dass wir auf dieser Basis weitermachen und unsere ganze Kraft in den Sport stecken. Dann steht uns eine große Zukunft bevor, da bin ich mir ziemlich sicher.“
Unverfängliche Zeilen mit dem rhetorischen Willen zur Versöhnung. Zeilen, wie man sie kennt von Hasan Ismaik, seit er seine Sicht der Löwen-Dinge von einer professionellen PR-Agentur verfassen lässt. Und doch haben sich auch vier Worte in den Text geschlichen, die es lohnen, zweimal gelesen zu werden: Große Zukunft . . . ziemlich sicher. Besser lassen sich die zehn Jahre Ismaik beim TSV 1860 nicht zusammenfassen.
Die große blaue Zukunft – sie braut sich im Frühjahr 2011 zusammen, als die zweitklassigen, chronisch defizitären Mieter-Löwen mal wieder vor der Insolvenz stehen und die Stadtsparkasse einer geplanten Bankenlösung nicht zustimmen kann. Präsident Dieter Schneider und Geschäftsführer Robert Schäfer setzen bei einer Pressekonferenz am 18. März eine Hilferuf ab: Bis Ende des Monats, also binnen zwölf Tagen, benötige die 1860 KGaA acht Millionen Euro, um die Pleite noch abzuwenden. Schneiders Appell: „Wenn es irgendwo noch irgendwelche Partner gibt, die jetzt erst erfahren, wie es um uns steht und uns helfen wollen, dann sind sie aufgerufen, aus der Deckung zu kommen.“
Tatsächlich beißt nur einer an: Der Münchner Investment-Experte Hamada Iraki, bei der Großbank UniCredit zuständig für Nordafrika und den Mittleren Osten. Ein Jahr zuvor hat Iraki bereits versucht, Käufer für den Pleiteclub AS Rom zu finden, darunter auch ein gewisser Hasan Ismaik, dem die anteiligen 110 Millionen Euro am Ende allerdings zu viel sind. Mit dem deutschen Zweitligisten TSV 1860, der auf nicht einmal ein Fünftel der Kaufsumme taxiert wird, glaubt Iraki nun das richtige Objekt für Ismaik gefunden zu haben. Bayern-Präsident Uli Hoeneß, der die UniCredit als Sponsor und Logenkunde im roten Portfolio weiß, preist die Löwen gegenüber Iraki als Traditionsclub mit großem Anhang. Hintergedanke ist selbstredend der Erhalt des Allianz-Arena-Mieters, dessen Aus für den FC Bayern mit erheblichen Folgekosten verbunden wäre.
Im SZ-Podcast „Inside 1860“ hat Hoeneß die Anfänge des Deals kürzlich überraschend offen erzählt: „Hamada Iraki rief mich eines Tages an und sagte: Herr Hoeneß, ich habe da so einen Investor. Wen muss ich denn bei 1860 ansprechen? Da hab ich ihn an Dieter Schneider vermittelt. Ich habe Schneider gesagt: ‚Da gibt es einen, der will euch Geld zukommen lassen. Macht das mal.’“
So nehmen die Dinge ihren Lauf. Am 30. Mai 2011 steigt Ismaik bei 1860 ein, kauft für 18 Millionen Euro insgesamt 60 Prozent der KGaA-Anteile (davon 49 Prozent stimmberechtigt) – und verkündet eine Woche später große Ziele: „Ich würde mir wünschen, dass wir in zehn Jahren auf einer Stufe mit Barcelona und dem FC Bayern stehen. Aber man muss auch realistisch sein. Um das zu schaffen, müsste alles perfekt laufen.“
Perfekt läuft bei den Löwen auch weiterhin wenig. Nach oft unter der Gürtellinie geführten Kompetenz-Schlachten und dem Verschleiß von über zwei Dutzend Präsidenten, Vizepräsidenten, Geschäftsführern, Sportchefs und Trainern, lässt Präsident Peter Cassalette vor der Saison 2016/17 die von Ismaik nie akzeptierte 50+1-Regel der Deutschen Fußball Liga (DFL) mal eben hinten runterfallen und gewährt dem Mehrheitseigner im Verbund mit dem Verwaltungsrat freie Hand bei der Finanz- und Personalpolitik. Das Ergebnis: die apokalyptische Saison 2016/17, die mit einem Minus von knapp 22 Millionen Euro und dem historischen Doppelabstieg in die vierte Liga endet. Ismaiks naive Annahme, die 50+1-Regel würde im Amateurfußball nicht gelten, entpuppt sich als erneute Fehlberatung. Tief gefrustet – immerhin hat er bislang rund 70 Millionen Euro in die Löwen gesteckt – zieht sich der Investor aus der deutschen Öffentlichkeit zurück. Auch in seinem eigentlichen Metier als Bauunternehmer in Abu Dhabi hat er massive Verluste zu beklagen.
Die Ironie der Geschichte: Durch den Totalabsturz der Löwen und die folgende Machtübernahme der Grünwalder-Stadion-Aktivisten erfüllt sich ausgerechnet unter Ismaik der Traum der Traditionalisten von der Rückkehr auf Giesings Höhen. Buchbach statt Barcelona heißt die neue Realität, nach einer Saison im Amateurlager sind die Löwen zumindest wieder drittklassig.
Auffällig: In Präsident Robert Reisinger hat Ismaik erstmals ein Gegenüber, das sich mit Kreditbedingungen nicht mehr unter Druck setzen lässt. Devise: Der Investor könne sich nur selbst schaden, eine Insolvenz wäre sein größter Gesichtsverlust.
Das sind die Voraussetzungen, unter denen die Löwen nun leben. Finanziell regiert der kleinste gemeinsame Nenner, Ismaiks diverse Stadionpläne haben sich längst als Luftnummern entpuppt. Der Umbau des Grünwalder Stadions, um mit ein paar Logen Geld verdienen zu können, steht in den Sternen.
Ziemlich erfolgsversprechend.
Für 100 Mio. Euro hätte Ismaik bei AS Rom einsteigen können – das war ihm zu teuer