Stuttgart – Eigentlich ist alles Routine: Eine Bodenübung, eine Reckübung, eine Ringeübung – und dann das Malheur beim Abgang. Bei der Landung bricht Marcel Nguyen das rechte Knie weg. Mit fatalen Folgen für den 33-jährigen Unterhachinger: Kreuzband gerissen, Außenband gerissen, Meniskus kaputt. Totalschaden im Knie. Auf der Trainingsmatte im Kunstturnforum in Stuttgart ist am Donnerstag in Sekundenbruchteilen Nguyens Traum von Tokio und seinen vierten Olympischen Spielen zerstört. „Ich bin total deprimiert“, sagt der zweimalige Olympia-Zweite von 2012, „wir müssen nun schauen, wie Operation und Reha verlaufen. Es könnte sein, dass mit dieser weiteren schweren Verletzung, so bitter wie auch realistisch es ist, meine Karriere nun beendet ist.“
Der ehemalige Europameister am Barren wollte in der kommenden Woche bei den deutschen Meisterschaften in Dortmund den ersten Schritt Richtung Tokio machen. Die zweite und letzte Kunstturn-Olympiaqualifikation findet am 12. Juni in München statt.
Wegen der Nachwirkungen einer Schulteroperation hatte Nguyen bereit die Heim-WM 2019 in Stuttgart verpasst. Aktuell behinderte ihn ein Knochenödem im rechten Handgelenk. Schon 2014 hatte er einen Kreuzbandriss erlitten, außerdem steht ein Wadenbeinbruch vor gut zehn Jahren in seiner Krankenakte.
Ursprünglich hatte Nguyen geplant, bei der EM im August 2022 in seiner Geburtsstadt München im Rahmen der European Championships seine lange Laufbahn abzuschließen. Nguyen ist seit 16 Jahren Mitglied der deutschen Nationalriege. Und war vom ersten Tag an zusammen mit Fabian Hambüchen und Philipp Boy Topleistungsträger im Turn-Team Deutschland. So unterschiedlich die drei Charaktere auch waren, auf dem Turnpodium ergänzte sich das Trio perfekt: Hambüchen stand für urwüchsige Kraft, Boy für Eleganz, Nguyen brachte seine Leichtigkeit an den Geräten ein.
Trotz seiner großen Erfolge vermied der Sohn eines Vietnamesen und einer Deutschen extrovertierte Selbstdarstellung. Er war stets der Mann der leisen Töne. Nach olympischem Doppel-Silber in London ließ er den durchaus lukrativen Hype um seine Person, speziell in Asien, eher still über sich ergehen.
Dass seine Karriere mit einer schweren Verletzung enden könnte, scheint Nguyen schon 2012 vorausgeahnt zu haben – damals ließ er sich als sein Lebensmotto auf die Brust tätowieren: „Pain is temporary, pride is forever“ (Der Schmerz geht, der Stolz bleibt). Dass der Stolz tatsächlich dauerhaft bleibt, hat sich Nguyen verdient. dpa/sid