Gewählt wird erst zum Jahresende, und man weiß nicht, was die Fußball(U21)-EM noch bringt oder Olympia in Tokio – doch ganz sicher ist im Mai/Juni schon ein heißer Kandidat für die „Mannschaft des Jahres“ gefunden worden: das deutsche Eishockey-Team. Obwohl in solch einer Truppe mit über 20 Positionen die Aufgaben viel diverser verteilt sind als im Ruder-Achter, wirkt es nicht weniger homogen als das oftmalige Flaggschiff des deutschen Sports. Die Eishockeyspieler vermitteln gerade glaubwürdig den wunderbaren Eindruck, dass bei ihnen Verteidiger Korbinian Holzer, der seinen geschundenen Körper in die Schlagschussbahn des Gegners wirft, eine genau so hohe Wertigkeit genießt wie Stürmer Marco Noebels, der mit seinem verwandelten Penalty gegen die Schweiz der Mann für die Abbildung auf Fotos und die namentliche Erwähnung in der Schlagzeile war. Es gibt keine Eitelkeiten, nur ein einziges großes Miteinander. Das ist die eigentliche große Story hinter den Ergebnissen, die es natürlich braucht, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit überhaupt erst zu bekommen.
Und natürlich profitiert die deutsche Eishockey-Mannschaft davon, dass sie besser abschneidet, als das erwartet wird. Die Hierarchien in diesem Sport wirken starr, weil es die „großen Nationen“ gibt, in denen das Eishockey kulturell verankert und die Bedingungen besser sind: Kanada, Russland, Schweden, Finnland, aus ihrer Tradition heraus Tschechien und Slowakei. Auch die USA muss man dazurechnen, die zwar seit über 60 Jahren nicht Weltmeister geworden sind, aber sich längst vom Nachbarn Kanada emanzipiert haben. Reflexartig werden diese Teams vor Vergleichen mit dem deutschen immer als das größere angesehen – was fachlich jedoch nicht mehr zu vertreten ist. Die Klasse der „Großen“ bei einer WM hängt im Wesentlichen davon ab, welche ihrer Stars, die in der NHL beschäftigt sind, ihr zur Verfügung stehen – und welche Energie und Leidenschaft sie am Ende der Saison überhaupt mitbringen. Die Hülle von Russland, Kanada, Schweden ist oft viel zu groß für den Inhalt.
Die Deutschen befinden sich nicht in einer solch starken Abhängigkeit vom Geschehen auf dem Hauptmarkt NHL. Zwar haben sie in Leon Draisaitl, Tim Stützle und Torwart Philipp Grubauer drei herausragende Spieler in der besten Liga der Welt und sie bei der WM 2021 nicht zur Verfügung, doch in diesem Jahr muss der Kern der Nationalteams eben aus den eigenen Ligen gebildet werden. Und da steht die oft gescholtene DEL nicht schlecht da. Sie gibt jungen Spielern wie den jetzt im WM-Team vertretenen Reichel und Peterka eine Chance, sodass die nicht mit 17 in eine kanadische Juniorenliga verschwinden müssen. Sie hat in der Champions League ihre Wertigkeit gesteigert, ist in der Ligen-Rangliste Dritte – vor Finnland, ein Nachweis ihrer Professionalisierung.
Natürlich hängt bei einem WM-Turnier vieles auch ganz banal am Glück. Dass die Deutschen in Riga alles dafür tun, um es sich zu verdienen, wird registriert. Diese Wahrnehmung ist ein Erfolg. Das Land schaltet ein. Eishockey im Juni. Eine Geschichte des Jahres.
Guenter.Klein@ovb.net