Riga/München – Vor fünf Jahren beschloss Toni Söderholm, Trainer zu werden. Dem EHC München hatte er als routinierter Verteidiger zur ersten Meisterschaft verholfen, in seiner ersten, seiner einzigen Saison in der Deutschen Eishockey Liga (DEL). „Es ist immer wieder ein kleines Wunder, wie eine Mannschaft sich formt“, dachte er damals und sagt es jetzt in der Rückschau, „das mitzuerleben ist unglaublich schön. Und genau das ist der Grund, warum ich als Trainer angefangen habe.“
Er erlebt sein Trainerglück nun als ranghöchster Coach im deutschen Eishockey, als Bundestrainer. Der große Moment war vordergründig der 3:2-nach-Penaltyschießen-Sieg im Viertelfinale gegen die Schweiz und damit verbunden der Einzug ins Halbfinale gegen Finnland (Samstag, 17.15 Uhr/Sport1), doch noch mehr fühlte sich Söderholm durch ein paar Sekunden bestätigte, die er mit seinem Kapitän Moritz Müller nach dem 2:1 zum Vorrundenabschluss über Lettland verbracht hatte. Die Mannschaft hatte sich mit dem knappen Sieg über die Hauptrunde hinaus gerettet und das Minimalziel erreicht. Befreit sangen die Spieler die Hymne, die beim Eishockey immer erst nach der Partie und nur für den Gewinner gespielt wird. Söderholm gratulierte nachher in der Kabine Moritz Müller: „Mo schaute mir in die Augen und sagte: ,Wenn wir so weiterspielen, reicht es nicht.’ Und da hatte ich gemerkt: Der nächste Schritt ist da.“
Die Mannschaft hatte aus sich heraus zu sich gefunden. Voraussetzung dafür, dass auch gegen die Schweiz, diese begabte Truppe, die als potenzieller Weltmeister gehypt wurde, ein Spiel wie dieses möglich war: Diszipliniert bleiben, sich nicht brechen lassen von einem 0:2-Rückstand und Schiedsrichterentscheidungen, die teils lächerlich einseitig waren. Söderholm sah, dass die Spieler fokussiert blieben. Er und seine Assistenten, der schon bei Olympia-Silber 2018 dabei gewesene Amerikaner Matt McIlvane und der frühere finnische Weltstar Ville Peltonen, konnten sich auf taktische Anweisungen konzentrieren, was die Mentalität betrifft, sagt Söderholm, „waren wir Trainer nur Passagiere“. Der Finne, der als Sohn eines BMW-Managers schon einige Zeit als Kind in München verbracht hatte und exzellent Deutsch spricht, redet oft in Bildern.
Im Internet hatte die Eishockey-Laufkundschaft aufgrund von Söderholms Kahlkopf-Optik vor einigen Tagen noch gewitzelt, ob der Typ an der Bande Peter Bosz oder Matthias Sammer sei – inzwischen interessiert man sich für die Geschichte dieses klugen Mannes von 43 Jahren, der eine gute Wahl des damaligen Sportdirektors Stefan Schaidnagel (der DEB und er trennten sich kürzlich) war, als 2018 ein Nachfolger für Silber-Held und Integrationsfigur Marco Sturm gesucht wurde, den es in die NHL zog.
Was er sich für die WM wünschen würde, fragte ihn Sport1-Experte Rick Goldmann kürzlich für ein Film-Feature, das vor der WM im Münchner Olympiapark aufgenommen wurde. Söderholm antwortete: „Gold.“ Er glaubt eben, dass das bei dieser WM möglich sein kann. Die anderen Mannschaften mit weniger NHL-Verstärkung als sonst etwas schwächer und die eigene stimmig zusammengestellt. „Wir standen eng beieinander, die Körpertemperatur war bei jedem am Glühen“, beschreibt Moritz Seider die Stimmung während des Penaltyschießens. Dominik Kahun proklamiert: „Unser Spirit macht uns so gut – das erinnert mich ganz ehrlich an 2018.“ An Olympia-Silber, den Erfolg, der die Wahrnehmung zumindest im eigenen Land veränderte. In anderen (noch) nicht so nachhaltig. „Unser Eishockey wird immer besser“, findet Marcel Noebels, der Penalty-Trickser aus dem Schweiz-Spiel, „wenn man sich aber umhört, sind wir nie unter den Favoriten. Die Schweiz hielt uns für den schwächsten Gegner.“ Moritz Seider, auf dem Sprung in die NHL, glaubt: „Wir werden auch in den nächsten Jahren um die Medaillen spielen können.“ Auch Toni Söderholm hat sich in diese Richtung festgelegt: Für seinen Geschmack lagen nach dem 3:1 über Kanada im dritten Spiel der Hauptrunde zu viele emotionale Aspekte in der Beurteilung des Ergebnisses, seitens der Öffentlichkeit, auch seitens der Mannschaft. „Wir müssen lernen, dass solche Siege das neue Normal sind“, sagt er.
Was das Aufeinandertreffen mit Finnland, seinem Heimatland, betrifft: Bei den WMs 2018 und 2019 gewann Deutschland, vor einer Woche in Riga unterlag man 1:2, kam mit der Abwehrstruktur der Finnen nicht klar und zu lediglich 13 Torschüssen. Es ist Raum für Verbesserung und Wachstum. Und die Hoffnung auf das Wunder der Mannschaftsformung.