Nehmen wir Tom Kühnhackl, Korbinian Holzer, Nico Krämmer: Sie bringen Trophäen mit nach Hause von der Eishockey-Weltmeisterschaft. Sportartspezifische. Prachtvolle Hämatome an Rumpf und Gliedmaßen, davon herrührend, dass sie gegnerische Schüsse in Serie geblockt haben. Es sind aber nur „temporary trophys“, die vergehen werden wie ein Kindergeburtstags-Tattoo. Bleibender wäre eine Medaille gewesen. Sie war möglich am Halbfinal-Samstag und auch noch am Sonntag. Doch ins Spiel um Platz drei ging die deutsche Mannschaft bereits gebrochen.
Das zehnte Spiel – das einzige, das richtig misslang – sollte nicht stärker gewichtet werden als die neun davor, doch festgehalten werden muss, dass die deutsche Mannschaft auf Rigas Eis eine Chance hat liegen lassen. Ein vierter Platz verdient sich höchste Achtung in der Eishockey-Blase, und nicht umsonst galt der vierte Platz der Heim-WM 2010 lange als das wertigste Abschneiden der Verbandsgeschichte. Doch für das Publikum außerhalb der Insiderschaft ist die Medaille das große Symbol für: Es war erfolgreich. Kaum noch jemand spricht von all den mathematischen (Torquotient) und anderen Umständen (Turnier ohne Kanada, Schweden), die Olympia-Bronze 1976 begünstigten, oder der besonderen Konstellation 2018 (keine NHL-Profis am Start), die den Gewinn der Silbermedaille flankierte. Hängen bleibt die Emotion, die mit einer Medaille verbunden ist. Beide Olympia-Medaillen-Generationen brachten Helden hervor.
Dem WM-Team 2021 blieb dieser Status verwehrt. Doch trotz des unschönen 1:6-Abschlussspiels – es hat sich Verdienste erworben. Anders als nach 2010, als die Nationalmannschaft ab 2012 in eine veritable Krise geriet (Verpassen der Olympia-Qualifikation für Sotschi) und mit dem Viertelfinale nichts mehr zu tun hatte, konnte das jetzige Team das deutsche Eishockey stablisieren. Es hat einen mutigen, attraktiven Spielansatz entwickelt und zwei Wochen lang zunehmend gute Unterhaltung geboten. Marcel Noebels’ „Briefmarken-Penalty“ gegen die Schweiz wird es in die Sport-Jahresrückblicke schaffen, und Toni Söderholm, der eloquente Bundestrainer, den die breite Öffentlichkeit kaum kannte, hat an Profil gewonnen. Man sprach über Eishockey mehr als über die in der EM-Vorbereitung befindlichen Fußballer.
Es wäre unfair, von Blech statt Bronze zu sprechen. Verständigen wir uns auf Beulen statt Bronze. Weil Beulen im Eishockey beweisen: Es wurde alles gegeben.
Guenter.Klein@ovb.net