Alles gut in der Mannschaft?

Die Geschichte vom Teamgeist

von Redaktion

GÜNTER KLEIN

Erinnern Sie sich noch an den „Teamgeist“? So hieß der Spielball der WM 2006. Ungewöhnlicher Name, aber er sollte zum großen Fest in Deutschland passen. Die Nationalmannschaft des Turniergastgebers galt damals als spielerisch limitiert, sie würde über Geschlossenheit und Opferbereitschaft kommen müssen. Die Neuerung vor 15 Jahren war: Wenn die Hymne erklang, rückten die Spieler zusammen, legten die Arme umeinander. Das wurde sogar in Corona-Zeiten beibehalten.

Die Deutschen gelten auch deswegen als Turniermannschaft, weil sich bei ihnen immer ein besonderer Spirit entwickelt. Beginnend 1954 mit dem Spirit von Spiez, seinerzeit Geist von Spiez genannt. Seitdem sind diverse gute Geister durch die deutsche Fußballgeschichte gewabert. Jedenfalls: Wenn es auf das erste Spiel zuging, wurde aus Spielerkreisen stets beteuert: Wir verstehen uns nicht nur auf dem Platz, sondern auch außerhalb bestens, können nicht voneinander lassen. So hört man das jetzt aus Herzogenaurach auch. Wir wollen es glauben.

Allerdings lehrt uns die Historie Skepsis. Denn noch nie hat es vor einem Turnier geheißen: Nee, ist nicht so toll, wie es bei uns zwischenmenschlich abgeht. Die Vorbereitungskulisse 1982, der Schluchsee, wurde erst in der Nachbetrachtung als Schlucksee deklariert. Oder jüngere Vergangenheit: 2018. Angeblich alles paletti, die Erdogan-Trikotaffäre galt als aufgearbeitet, alle hatten nur die weltmeisterliche Titelverteidigung im Sinn. Erst drei Jahre später wird zugegeben: Man hat schon in der guten Luft Südtirols gespürt, dass das nichts werden kann.

Nun warten wir mal die EM ab. Wenn sie gut läuft, glauben wir, dass die Spieler miteinander ausgekommen sind. Im Fall eines Scheiterns würden wir uns an Lukas Klostermanns Aussage erinnern, dass die Homeground-Bungalows nichts anderes sind als „normale Hotelzimmer“ – in denen dann wie in Watutinki jeder seine Welt aufbaute: Jogi Löw mit der eigenen Espressomaschine, Antonio Rüdiger mit seiner Wasserpfeife. Und wir würden bei Adidas nachfragen müssen, ob nachts das Internet runtergefahren wurde, um die Zocker zur Ruhe zu zwingen.

Was heute Abend betrifft: Die Franzosen (begabter) sollen gerade ein bisschen streiten. Ein Fall für Teamgeist.

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