Mehr Chancen – weniger Angst

von Redaktion

Gegen Portugal ist ein Sieg Pflicht – Gündogan vermisst den Offensiv-Geist

VON MANUEL BONKE

München – Noch in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch ging es für die Nationalmannschaft nach der 0:1-Niederlage gegen Frankreich per Bus von München nach Herzogenaurach ins Teamquartier. Bundestrainer Joachim Löw und sein Trainerstab begannen noch während der zweistündigen Fahrt mit der Analyse des misslungenen Turnier-Auftakts.

„Was uns gefehlt hat, ist die Durchschlagskraft im Sechzehner“, sagte Löw nach dem Spiel vor diversen TV-Kameras und teilte damit die Meinung von Führungsspielern wie Thomas Müller („Um ehrlich zu sein, war es offensiv zu wenig“) und Joshua Kimmich („Unterm Strich war es zu wenig, weil wir nach vorne zu harmlos waren“). Es hatte sich während der bisherigen EM-Vorbereitung jedoch angedeutet, dass der Bundestrainer gegen den favorisierten Weltmeister auf Nummer sicher gehen und mehr auf defensive Stabilität statt offensive Durchschlagskraft setzen würde.

Die Trainingsinhalte in Seefeld befassten sich beinahe ausschließlich mit Defensiv-Arbeit im 3-4-3-System. Ein Grund, weshalb das deutsche Offensivspiel gegen Frankreich unkoordiniert daherkam und – abgesehen von den ersten 15 Minuten nach dem Seitenwechsel – für keinerlei Gefahr sorgte. Die restliche Spielzeit über waren die DFB-Kicker vor allem damit beschäftigt, die französische Sturmreihe um Kylian Mbappé vom eigenen Tor fernzuhalten.

Das klappte meist ganz ordentlich, ging aber zulasten des deutschen Angriffsspiels. Im nächsten Gruppenspiel gegen Portugal (Samstag 18 Uhr, ARD und Magenta TV) muss jetzt endlich Schluss sein mit Löws Angsthasen-Fußball! Diese Meinung vertritt auch Ilkay Gündogan. „Als jemand, der sehr gerne offensiven Fußball spielt, erhoffe ich mir, dass wir gegen Portugal mehr nach vorne spielen und mehr Chancen kreieren.“

Warum der Mittelfeldspieler diese Meinung vertritt? „Weil wir es können und weil wir eine Mannschaft sind, die offensiv denken sollte!“ Gegen die Franzosen hatte Löw gehofft, mit Angriffen und Flanken über die Außen Torchancen zu kreieren. Problem: Selbst wenn es Hereingaben in den Sechzehner schafften, tummelten sich dort mit Kai Havertz, Thomas Müller und Serge Gnabry keine Angreifer der Kategorie Strafraum-Stürmer, wie es sie in Person von Karim Benzema auf der anderen Seite gab. Die Stärken der deutschen Offensive liegt hingegen im Kombinations- und Passspiel durch das Zentrum. Durch Löws Dreierkette fehlte im Mittelfeldzentrum neben Toni Kroos und Gündogan eine dritte Anspielstation. Die Lösung für dieses Problem heißt 4-2-3-1-System.

So könnte Löw DFB-Rückkehrer Müller auf seine Parade-Position auf der Zehn ziehen, wo er von Leroy Sané und Kai Havertz flankiert wird. Vorne würde sich Serge Gnabry als einzige Spitze anbieten. Und mit Kimmich als Sechser hätte das Spiel im Zentrum den nötigen Zugriff, um Angriffe einzuleiten. Als Rechtsverteidiger in der Viererkette würden sich Lukas Klostermann oder Matthias Ginter anbieten.

Aber wie sieht Löw die Systemfrage? Gündogan: „Ich weiß nicht, was im Kopf des Trainers vorgehen wird, ob sich formationstechnisch etwas ändern wird oder nicht. Ich glaube, dass wir zwei Systeme echt gut spielen können.“ Die Durchschlagskraft eines Leon Goretzka hätte gegen Frankreich gutgetan. Doch einen Startelf-Einsatz gegen Portugal schloss Löw bereits aus: „Er hat gesagt, dass er das Gefühl habe, dass er noch zwei, drei Trainings braucht, um völlig frei zu sein und der Mannschaft zu helfen. Er wird eine gute Option sein im Laufe des Spieles.“

Ein Sieg gegen den Europameister ist Pflicht, um im Turnier nicht in allergrößte Not zu geraten. Löw gibt sich aber entspannt: „Wir haben noch zwei Spiele, da können wir alles geradebiegen.“ Und er ändert vor dem Portugal-Spiel die Abläufe. Das Team wird das Abschlusstraining am Freitag nicht in München, sondern in Herzogenaurach absolvieren. Am späten Freitagnachmittag erfolgt der Bus-Transfer in die Landeshauptstadt.

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