Joachim Löw kennt sich aus. Als ihm rund um den tristen Länderspielblock im November vorgehalten wurde, dass seine einst ruhmreiche und nun verblasste Mannschaft weniger Fernsehzuschauer angezogen habe als die Konkurrenz des skurrilen Formats „Bares für Rares“, blieb der Fußball-Bundestrainer gelassen. Bei der Europameisterschaft, so kündigte er an, würden die Einschaltquoten wieder stimmen. Das ZDF durfte am Dienstagabend denn auch zufrieden sein mit 22 Millionen und einem satten Zwei-Drittel-Marktanteil für Deutschland – Frankreich. Bis jetzt Nummer eins der Jahreshitparade 2021.
Aber jetzt auch nicht die wuchtige Zahl, wie sie bei vergangenen Turnieren zum Standard geworden war. Bei Europameisterschaften ging es meist schon im Bereich 25 bis 30 Millionen los, bei Weltmeisterschaften war der Einstieg noch höher. Das relativiert die 22 Millionen nun schon ziemlich. Zumal: Es war bereits das Schlagerspiel der deutschen Vorrunde. Gegen den Weltmeister und nicht gegen eine Nummer 38 des FIFA-Rankings. Und was den vordergründigen Erfolg relativiert: Die großen Public Viewings, die in die offiziellen Quoten nie einflossen, gibt es dieses Jahr nicht, geschaut wird überwiegend zu Hause. Die Dunkelziffer war früher also viel höher.
Vor allem aber fällt es schwer, dieses Turnier zu fühlen. Denn Interesse spiegelt sich nicht nur in den handfesten Zahlen der TV-Anstalten, sondern in den Gesprächen der Menschen, in den Themen, die sie setzen. Für Sommermärchen-Atmosphäre sorgen aber nicht die Krisenthemen wie: Warum treffen wir nicht ins Tor? Wieso fällt Löw nichts ein? Und mag man auf Mats Hummels wegen seines Missgeschicks herumhacken? Wirklich nicht.
Turniere sind immer dann in Gang gekommen, wenn sie eine überraschende und als freudig empfundene Geschichte lieferten: Wie hoch dieser Miroslav Klose springt! Hast du gesehen, wie der kleine Philipp Lahm in den Winkel schoss? Wie frech dieser Thomas Müller lacht! Wie jung und frisch dieser deutsche Fußball auf einmal ist. So ging es los, 2002, 06, 10. Und 2014 sowieso.
Juni 2021: Es ist Sommer, die Leute zelebrieren die allmähliche Loslösung von Corona. Optimismus wird greifbar – doch der Fußball trägt dazu noch nicht bei.