„Das Turnier kann losgehen“

von Redaktion

DFB-Team erlebt Initialzündung – doch gegen Ungarn wird’s wohl zäh werden

VON MANUEL BONKE UND PHILIPP KESSLER

München – Nach der EM-Auftaktpleite gegen Frankreich tobte eine heftige Taktik-Debatte. Von Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus bis zu WM-Held Bastian Schweinsteiger: Nahezu alle Experten rieten Joachim Löw, seine neue Liebe zur Dreierkette zu überdenken und stattdessen auf eine Viererabwehrreihe umzustellen. Und was tat der Bundestrainer im zweiten Gruppenspiel gegen Portugal? Nichts! Er schickte seine Mannschaft ohne eine einzige Veränderung aufs Feld – und sollte damit Recht behalten, wie der fulminante 4:2-Sieg gegen Portugal zeigte.

„Es war ein sehr starkes Spiel von uns gegen technisch und im Konter starke Portugiesen“, sagte Löw und gab nach der Partie einen Einblick in seinen Matchplan: „Der Auftrag war, in der Offensive eine ganz andere Kraft zu erzeugen. Genau das wurde sehr gut umgesetzt, dass die richtigen Räume bespielt wurden, dass wir vorne nicht das Tempo rausnehmen.“ Insbesondere die beiden Flügelläufer Joshua Kimmich und Robin Gosens, deren sogenannte Joker-Positionen es nur in einem System mit Dreierkette gibt, entfachten den nötigen Druck auf die Portugiesen. Laut Löw sei es das Ansinnen der DFB-Elf gewesen, „dass wir gerade über die Außenpositionen für mehr Gefahr sorgen müssen“.

Umso überraschender war es, dass die Mannschaft um Superstar Cristiano Ronaldo inmitten der ersten Sturm-und-Drang-Phase der Deutschen nach einer Viertelstunde in Führung ging. „CR7“ höchstpersönlich hatte mit einer Kopfball-Abwehr nach einem deutschen Eckstoß den Konter eingeleitet, den er mit dem 1:0 vollendete. Doch statt in Schockstarre zu verfallen, schalteten die Deutschen in den Jetzt-erst-recht-Modus – und zwangen den Gegner noch vor dem Seitenwechsel zu zwei Eigentoren durch Ruben Dias (35.) und Raphael Guerreiro (39.). Kai Havertz (51.) und Gosens (60.) sorgten danach für die Vorentscheidung. Daran änderte auch der Anschlusstreffer von Diogo Jota (67.) nichts. Deutschlands EM-Explosion war perfekt.

„Turnier kann losgehen“, kündigte Toni Kroos in den sozialen Medien an – und ganz Fußball-Deutschland fragt sich: War der Auftritt gegen Portugal die Initialzündung für die Jagd nach dem EM-Titel? In den Augen von Löw ist das nur bedingt der Fall: „Das hat mit Initialzündung nicht so viel zu tun. Natürlich gibt so ein Erfolg eine gewisse Stärkung.“ Ähnlich sehen es auch die Spieler. „Ja, es kann eine Initialzündung sein. Aber: Vor drei Jahren bei der WM haben wir auch das zweite Spiel gewonnen und sind trotzdem rausgeflogen“, meinte Abwehrspieler Matthias Ginter. Thomas Müller sprach von einer „kleinen Euphorie. Aber wir müssen auch sachlich bleiben.“

Das tut der Bundestrainer, der seit Sonntag das Spiel gegen Ungarn (Mittwoch 21.00 Uhr, ZDF, Magenta TV) vorbereitet. „Das nächste Spiel wird vielleicht noch zäher, weil Ungarn tiefer steht, mit acht, neun Leuten verteidigt und auf Konter hofft“, so Löws kurze Gegner-Analyse. Gerade mit dieser Spielweise hatte sein Team in der jüngeren Vergangenheit Probleme, wie vor allem das 1:2 gegen Nordmazedonien zeigte.

Gegen Ungarn hofft Löw auf einen ähnlich engagierten Auftritt wie am Samstag. „So müssen wir den Gegner unter Druck setzen. Dann können wir Schritt für Schritt vorankommen“, sagte Löw. Seine Titel-Theorie: „Es gibt genug starke Mannschaften in dem Turnier. „Und die“, greift er auf seine Erfahrung zurück, „die in den ersten ein, zwei Spielen perfekt spielen, haben in den seltensten Fällen ein Turnier gewinnen können.“

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