Die Aufstellung! Es ist immer ein besonderer Moment vor einem Spiel, wenn sie veröffentlicht und herumgereicht wird. Für welche elf Spieler sich ein Trainer entschieden hat, schließt die Vorgeschichte eines Spiels ab, die – bei Turnieren vor allem – immer bestimmt wird von Diskussionen, wer vom Personal es am besten kann. So kommt jeder Fan zu seinem Bundestrainer-Moment, und auch die Experten brauchen es, dass ihre Meinung abgefragt wird. Das ist ihre Geschäftsgrundlage.
Die Aufstellung – für einige Sekunden versinkt man in ihr, fragt die Erinnerung ab, wer beim letzten Mal auf dem Bogen stand, überprüft, ob es Veränderungen gibt. Dann formiert sich vor dem geistigen Auge ein taktisches Schema. Am Samstag dürfte bei einigen der Zorn auf Joachim Löw aufgewallt sein: Der Bundestrainer – stur und alt wie Adenauer in seinen letzten Amtsjahren. Wieder mit Dreierkette. Wieder mit Kimmich auf rechts, wo seine Fähigkeiten verschwendet werden. Wieder ohne Sané. Wieder ohne die Wechseloption Musiala. „Never change a losing team – oder was, Herr Löw?“ Keine Frage: Die deutsche Schwarmintelligenz hätte anders aufgestellt. Befeuert von den Influencern, die sich bei der EM gerade wieder was dazuverdienen.
Allerdings würden die Experten sich den Markt versauen, wenn ihre Empfehlung lautete: Trotz Niederlage einfach weiter so, Jogi! Weil Löw das weiß, kann er die Einflüsterungen ignorieren. Er kann auch den Vorwurf an sich abprallen lassen, dass er beratungsresistent sei. Das impliziert immer, dass ein Trainer nur gut sein könne, wenn er auf möglichst jeden Vorschlag eingehe, und schließt aus, dass die Tipps von außen vielleicht gar nicht gut genug sind.
Das 4:2 gegen Portugal war das beste deutsche Turnierspiel seit 2014, und auch der Trainer hat es dazu gemacht. Für diese Partie lässt sich die übliche Theorie, die Mannschaft habe es trotz Löw gewonnen, nicht seriös aufrecht erhalten. Sie hat es gewonnen, weil die Taktik die richtige war – und die Einstellung eine gute.
Löw, der Adenauer des DFB, ist wie ein Unionskanzler, der nach diversen Rücktrittsforderungen seine Umfragewerte gegen Ende der Amtszeit stabilisiert bekommt und an seinen Wunsch-Nachfolger übergibt.