Der neue Held, der an einen alten erinnert

von Redaktion

Deutschland feiert Robin Gosens, der aussieht, manchmal spricht und spielt wie Lukas Podolski

VON GÜNTER KLEIN

München – Die Menschen in der Münchner Arena konnten gar nicht genug kriegen von ihrem neuen Helden: Vom Moment seiner Auswechslung an – die Adduktoren schmerzten ihn – feierten sie Robin Gosens, und als er nach dem Spiel als „Man of the Match“ der UEFA-Biermarke, die in Bayern nicht gut beleumundet ist, ausgezeichnet wurde, war es ein Jubel wie nach einem weiteren Tor. Die Leute blieben sogar noch, um ein Statement von Gosens aufzunehmen, sie schmunzelten wohlwollend, denn sie fühlten sich an jemanden aus einer guten alten Zeit erinnert.

Zum ersten Mal gab es in einem deutschen Stadion „Robin Gosens“-Sprechchöre. Seit er 17 ist, hat er für keinen deutschen Club mehr gespielt, sondern in den Niederlanden (Arnheim Dordrecht, Almelo) und Italien (Atalanta Bergamo). Und als er im August 2020 erstmals zur deutschen Nationalmannschaft eingeladen wurde, war die Corona-Geisterspielzeit bereits angebrochen. Mit seiner fabelhaften Leistung gegen Portugal (ein Tor geköpft, drei vorbereitet, und eigentlich hat er noch ein weiteres erzielt, war aber Abseits) wurde Robin Gosens entdeckt. Zugleich fühlt das Publikum sich sofort mit ihm vertraut. Es ist, als wäre Lukas Podolski, nun 36 und eine ganze Epoche lang der Volkstribun des deutschen Fußballs, wieder da. Nur zehn Jahre jünger. Die Ähnlichkeit in manchem Punkt ist verblüffend.

Die Optik: Die sachliche Frisur, das angedeutete Lächeln, das jeden Satz flankiert. Die Art zu laufen, den Kopf gesenkt. Die Bulligkeit, die direkte Wege vorgibt, keine verschlungenen.

Die Sprache: Robin Gosens hat mit 26 und seinem ungewöhnlichen Lebensweg spürbar mehr Reife als Lukas Podolski in diesem Alter, Gosens’ Antworten sind keine Drei-Wort-Geschosse, doch auch seine Formulierungen können auf Podolskische Art unverblümt klingen. „Ich bin angepisst“, sagte Gosens nach dem 0:1 gegen Frankreich. Sein „emotionales Gefühlschaos“ im Portugal-Spiel beschrieb er: „Mir ist mehr als einer abgegangen.“ Ihre Art des Umgangs mit Mitspielern wird als sehr ähnlich beschrieben. Poldi war inoffizieller Vergnügungswart der Nationalmannschaft, Gosens gilt ebenfalls als Typ. „Er ist offen kommunikativ, hat einen guten Draht zu allen Spielern“, sagt Joachim Löw.

Spielweise: Podolski ist Stürmer, Gosens Außenverteidiger – im heutigen Fußball liegen diese Positionen aber nahe beieinander. Gosens lobt seinen Trainer in Bergamo, Gian Piero Gasparini: „Offensivqualitäten scheinen in mir geschlummert zu haben. Mister Gasparini hat sie zum Vorschein gebracht. Ich habe die Dynamik und auch das Timing dafür.“

Hintergrund: Beide hätten aufgrund familiärer Konstellationen auch für andere Verbände spielen können: Die Polen umgarnten den in ihrem Land geborenen Podolski, die Niederlande bemühten sich 2020 um Gosens aus Emmerich am Niederrhein, Sohn eines holländischen Vaters. Podolski durchlief aber bereits die deutschen U-Mannschaften – der Unterschied zum übersehenen Gosens, der 2014 noch als Fan im Thomas-Müller-Trikot unterwegs war und der um seinen exotischen Werdegang weiß: „Ich fühle mich jetzt aber nicht mehr als Exote wahrgenommen, sondern voll akzeptiert.“

Engagement: Podolski wurde mit den Jahren und den Ländern, in denen er kickte, gesellschaftlich verantwortungsbewusst, Gosens, der nebenher Psychologie studiert, erlebte den Corona-Ausbruch in Bergamo mit. Prägend. „Wenn ich darüber rede, bekomme ich immer noch einen Kloß im Hals.“

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