Wer hat noch Angst vor Spanien?

von Redaktion

Fünf Gründe, warum die Selección nur noch ein Schatten der einstigen Weltmeister-Generation ist

VON JOSE CARLOS MENZEL LOPEZ

Sevilla – Zweites Spiel, zweites Unentschieden: Die spanische Selección fuhr sowohl beim Auftakt gegen Schweden als auch am Samstag gegen Polen keinen Sieg ein und muss am Mittwoch gegen die Slowakei gewinnen, um sicher im Achtelfinale zu stehen. Allzu große Hoffnungen auf ein erfolgreiches Turnier macht sich im Land des dreifachen Europameisters aber niemand – und das zuRecht. Hier fünf Gründe, warum die Spanier – anders als ihre goldene Weltmeister-Generation um Xavi, Iniesta & Co. – dieses Jahr niemandem Angst machen.

Sinnfreier Ballbesitz: 917 Pässe spielten die Iberer während ihrer Nullnummer zum Auftakt gegen die biederen Schweden, die ihrerseits lediglich 162 (!) Zuspiele an den Mann brachten. Endergebnis: 0:0. Boten die Spanier seinerzeit noch zielorientierten Ballbesitz an, so spielt die aktuelle Selección die meiste Zeit über kurz, quer und zurück. Es fehlen raumgewinnende oder überraschende Pässe, die die gegnerischen Abwehrbollwerke zu Fall bringen. „Steriler Ballbesitz“, schrieben spanische Medien gestern. Sieht aber immerhin ganz nett aus. Torlos glücklich: Álvaro Morata und Gerard Moreno sind die Stürmer, die Cheftrainer Luis Enrique in seinen EM-Kader berufen hat. Die spanischen Fans haben mittlerweile aber berechtigte Zweifel, dass besagte „Torjäger“ große Beute machen. Gab beim Auftakt gegen Schweden noch Juves Morata den Chancentod, gesellte sich gegen Polen Kollege Moreno dazu. Sinnbildlich dafür die Szene in der 58. Minute: Moreno knallt einen Elfer gegen den Pfosten, Morata ballert den Nachschuss vorbei. In Spanien macht aktuell ein Witz die Runde: „Schatz, was machst du mit diesem Mann im Bett?“ – „Keine Sorge, ist nur Morata!“ – „Ach, dann ist alles gut.“ Der Typ ist absolut harmlos.

Kein Real, keine Erfahrung: Luis Enrique überraschte alle, als er nicht einen einzigen Spieler von Real Madrid in seinen EM-Kader berief – auch Ex-Kapitän Sergio Ramos nicht. Stattdessen baute er auf eine junge Truppe um Talente wie Pedri, Rodrigo oder Ferrán, denen es aber offensichtlich an der nötigen Erfahrung für ein derartiges Turnier fehlt. Die Zeitung „El Mundo“ schrieb über Robert Lewandowskis Kopfballtreffer beim jüngsten 1:1 Polens gegen Spanien: „Sergio Ramos Schatten liegt über unserer Selección. Vor allem nachdem Lewandowski zwei spanische Innenverteidiger zu Abend aß.“ Ob der Pole Ramos vor seinem Treffer ähnlich vernascht hätte wie Aymeric Laporte? Wohl kaum.

Schuld ist der Rasen: Spanien spielt in Sevilla. In Sevilla hat es bereits im Juni um die 40 Grad. Das spiegelt sich unvermeidbar im Rasen des andalusischen Olympiastadions wider. Leidtragende sind aber anscheinend nur die kombinationsstarken Spanier – und natürlich nicht ihre mauernden Gegner. „Dieser Rasen schadet unserem Spiel“, meinte Rodri jüngst. Ja nee, ist klar.

Selbstzerstörung aktiviert: Anders als die deutsche Nationalelf, die nach der 0:1-Auftaktpleite gegen Frankreich eine Trotzreaktion zeigte und Portugal putzte, versinkt die Selección bereits beim ersten Gegenwind in Selbstmitleid. Zwei Remis – und schon will ganz Spanien Trainer Luis Enrique sowie den halben Kader absägen. „Luis Enrique wackelt“, schrieb das spanische Sportblatt „AS“ gestern. Symptome einer kränkelnden Fußballnation, die nicht mehr das ist, was sie einmal war.

Artikel 1 von 11