München – Eine Schwere lag auf dieser letzten Viertelstunde, in der Joachim Löw Spieler einwechselte, ohne dabei noch einen taktischen Gedanken zu haben. Es ging darum, so erläuterte er es, „mit Gewalt und aller Kraft um jeden Meter zu kämpfen, Bälle in den Strafraum reinzuhauen und mit möglichst vielen Leuten im Strafraum zu sein“. Er brauchte Typen mit dem Instinkt für die Torsituation, mit Verdrängungskraft – und jemanden, der Gedanken an ein Versagen und das, was darauf folgen könnte, gar nicht erst verdrängen musste, weil er sie einfach nicht hatte: Jamal Musiala. Er steht für Unbeschwertheit.
Der 18-Jährige, der in der 82. Minute für Robin Gosens kam, wurde neben Leon Goretzka, dessen Tor zum 2:2 gegen Ungarn er vorbereitete, zum entscheidenden Spieler. Er kommentierte seinen Auftritt: „Ich hatte nichts zu verlieren.“
Niemand hätte ihn, den Jüngsten, dafür verantwortlich gemacht, wenn es beim 1:2 geblieben wäre. Mit 18 genießt man Welpenschutz bei einem Turnier, Joachim Löw hatte ihn von den großen Gruppengegnern, Frankreich und Portugal, bewusst ferngehalten, ihn nicht für den Spieltagskader nominiert. Für das Ungarn-Spiel sah er in Musiala, den er im März aus dem englischen Nachwuchsprogramm ab- und für die deutsche A-Nationalmannschaft angeworben hatte, aber eine Option. Was Löw ihm an der Linie mit auf den Weg gegeben hat? „Ich soll mich Sachen trauen, im Halbraum spielen, aggressiv nach vorne gehen“, berichtete Musiala. Folglich hatte er „keine Angst, etwas zu probieren. Ich war stolz, bei einem solchen Turnier einfach auf dem Feld zu sein, ich bin voller Confidence reingekommen.“
Er ist Deutscher und Engländer, manchmal mischen sich seine beiden Sprachen. „Confidence“ sagt er öfter. Das Vertrauen, das er in sich hat. Zu spüren, dass er mithalten kann in der Welt der erwachsenen Profis, in die er erst vor einem Jahr eingetreten ist, zu bemerken, dass seine Entscheidungen die richtigen sind.
Jamal Musiala hat die gegenteilige Ausstrahlung von Leroy Sané, seinem FC-Bayern-Kollegen, dessen Spiel gegen Ungarn eine Fehlerorgie an beiden Enden des Felds war. Nachdem ihm wieder ein Pass misslungen war, trommelte der 25-Jährige mit den Fäusten auf den Rasen. Löw ließ ihn dennoch bis zum Ende spielen, weil er hoffte, „dass Leroy am rechten Flügel mit seiner Schnelligkeit und im Eins gegen Eins durchbrechen kann“. Bei der WM 2018 in Russland war Löw angelastet worden, dass er Sané nicht mitgenommen hatte. Argumentation; Gegen Südkorea hätte man so einen Spieler dringlich brauchen können. Ungarn brachte die Deutschen 2021 in eine Südkorea-Konstellation – und Sané war keine Hilfe.
Man kennt es von den früheren Turnieren: Löw gewährt Chancen, kann einem Spieler die Gunst dann aber auch komplett entziehen. Zumal wenn sich die Alternative auftut. Mit Musiala. In der besonderen Konstellation eines Spiels gegen England, „meine zweite Heimat. Das wird ein großes Spiel, ein cooles Spiel. Ich freue mich drauf.“ Es klingt, als rechne er damit, dabei zu sein.